Berlin : Die Rote-Teppich-Fraktion

Terroristen im Rampenlicht: Premiere für den Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“ im Delphi-Kino

Andreas Conrad

Ende der sechziger Jahre besuchte der Maler Kurt Mühlenhaupt seine Kollegin Ellinor Michel in deren Wohnatelier im fünften Stock eines Hauses in der Schöneberger Hauptstraße. In einer Ecke, so schreibt er in seiner Autobiografie, lümmelten sich „zwei junge Männer, die einen leidenden, krankhaften und schüchternen Eindruck auf mich machten“. Er beachtete sie nicht sonderlich, hatte ohnehin das Gefühl, für sie ein unangenehmer Gast zu sein. Erst später erfuhr Mühlenhaupt, dass einer der Männer Andreas Baader war, der mit der Malerin – das schreibt er nicht – sogar eine Tochter hatte.

Die Gäste der Premiere von Uli Edels „Der Baader-Meinhof-Komplex“ am Mittwochabend im Delphi an der Kantstraße warteten auf diese Episode vergeblich, sofern sie denn überhaupt davon wussten. Sie kommt in der Verfilmung von Stefan Austs Buch nicht vor, hatte ja auch keine historische Bedeutung, und doch zeigt sich an ihr, wie eng die Baader-Meinhof-Geschichte mit Berlin verbunden war.

Es war schon die zweite Premiere des Films, die erste hatte es am Abend zuvor im Münchner Mathäser-Filmpalast gegeben, am Sonntag ist der Kölner Cinedom dran, Berlin bedeutete also Halbzeit für den Gala-Tourismus, mit gegenüber München verkürztem rotem Teppich. 100 Meter Auslegware wie dort haben vor dem Delphi einfach keinen Platz. Aber die Masse der angekündigten Beteiligten beeindruckte auch so, Stefan Aust und Uli Edel natürlich, Produzent und Drehbuchautor Bernd Eichinger, dazu Martina Gedeck (Ulrike Meinhof), Moritz Bleibtreu (Andreas Baader), Johanna Wokalek (Gudrun Ensslin), Bruno Ganz (Horst Herold), Nadja Uhl (Brigitte Mohnhaupt), Stipe Erceg (Holger Meins), Niels Bruno Schmidt (Jan-Carl Raspe), Vinzenz Kiefer (Peter-Jürgen Boock), Sebastian Blomberg (Rudi Dutschke), dazu Jan Josef Liefers, Alexandra Maria Lara, Heino Ferch, Hannah Herzsprung und Katharina Wackernagel.

Hatte auch München beim Premierenreigen die Nase vor, so Berlin doch vor einem Jahr bei den Dreharbeiten. An der Isar wurde nur neun von insgesamt 74 Tagen im Studio gedreht, in Berlin und Umgebung dagegen waren es 56. Und es wurde auch soweit wie möglich darauf geachtet, an den Originalschauplätzen des Dramas zu drehen. So beispielsweise vom 10. bis 12. August 2008 in der Charlottenburger Bismarckstraße, die zwischen Wilmersdorfer und Leibnizstraße gesperrt war, damit dort die Studentenproteste beim Schah-Besuch vom 2. Juni 1967 und der Tod Benno Ohnesorgs in der Krummen Straße gedreht werden konnten. Mehrere 100 Komparsen bevölkerten die Straße, blau uniformierte Polizisten, Mädchen in Faltenröcken, Jungen mit ausgestellten Hosen. Auch einige Protestler mit Papiertüten über dem Kopf, darauf das Porträt des Schahs, waren zu sehen – wie schon 1967: Es war eine Aktion der Kommune 1.

Das Audimax der Technischen Universität wurde ebenfalls zum Drehort, für eine Szene mit Rudi Dutschke, beim Vietnamkongress 1968. Wie der Regisseur Uli Edel erzählt, „haben die 1500 Berliner Jugendlichen im Auditorium einen ganzen Tag mit einer solchen Begeisterung ,Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh’ skandiert, dass man glauben konnte, die Zeit sei 40 Jahre zurückgedreht“. Und beim Filmen der Szene mit den Schüssen auf Rudi Dutschke vom 11. April 1968 am Kurfürstendamm sei das ganze Team so sehr emotionalisiert gewesen, dass einige den Drehort verlassen mussten.

„Authentizität, nicht ,Genrekino’, war für mich angesagt“, betont Uli Edel. So griff er auch auf Originalfotos und anderes Dokumentarmaterial zurück, etwa auf die bekannte Aufnahme, die den sterbenden Benno Ohnesorg in den Armen der Studentin Friederike Hausmann vor einem VW-Käfer mit der Nummer „B-WM...“ zeigt. Nicht, dass das Vertrauen in die Authentizität des Films schon am falschen Kennzeichen scheitert.

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