Berlin : Die roten Flecken der braunen Hauptstadt

Ein Buch über den proletarischen Widerstand gegen das NS-Regime

Holger Hübner

Es klingt unfassbar: Mit Namenslisten sammelte die unter den Nazis verbotene KPD beispielsweise in den Berliner Firmen Teves und Askania Gelder für Fremdarbeiter. So gelang es der Gestapo, fast alle Beteiligten zu verhaften. Und Illusionen über den Zustand des Regimes verführten noch 1944 verhaftete Funktionäre dazu, bei Verhören bereitwillig Namen von Mitstreitern preiszugeben. Sie hofften, durch die Ausweitung der Zahl der Angeklagten die Justizmaschinerie zum Stocken zu bringen. Tatsächlich führte dies nur zu weiteren Verurteilungen.

So ist der hohe Blutzoll, den gerade die KPD zwischen 1933 und 1945 zu entrichten hatte, auch eine Folge von Leichtsinn, Selbstüberschätzung, fahrlässigem Opfern, Fehleinschätzungen und nicht zuletzt der Zersetzung der Widerstandsgruppen durch Gestapo-Spitzel, wie Hans-Rainer Sandvoß in seinem Buch über den Widerstand der Berliner Arbeiterbewegung gegen das NS-Regime zeigt. Bislang kannte man schon die ausgezeichnete Schriftenreihe der Gedenkstätte Deutscher Widerstand zu den Berliner Bezirken, deren Hauptverfasser er ist. Jetzt legte er das Ergebnis seiner Forschung in kompakter Form vor – eine Gesamtdarstellung des proletarischen Widerstandes in Berlin.

Geschildert werden nicht nur die Aktionen von SPD und KPD, sondern auch die der kleineren sozialistischen und kommunistischen Organisationen, die, wie Sandvoß sie nennt, „Zwischengruppen“, und die „Opposition auf betrieblicher Ebene“. Er stützt sich dabei auf Akten von Gestapo und Gerichten, auf von ihm geführte Interviews mit Zeitzeugen, auf „über 1700 Verfolgten- bzw. Entschädigungsakten“ aus den Nachkriegsjahren und – selbstverständlich – auf die bisher erschienenen Publikationen zum Thema. Es ist ein reichhaltiges Material, das kritisch bewertet werden musste, denn natürlich stellen die Unterlagen aus der NS-Zeit manches anders dar als die Akten aus den Jahren danach. Und auch Zeitzeugen irren sich, wissen über Ereignisse oft nur noch fragmentarisch Bescheid.

Viel Forschungsarbeit wurde erst jetzt möglich, weil Materialien vor 1990 nicht zugänglich waren. Das erklärt, warum es eine solche Gesamtdarstellung nicht längst gab. Sandvoß’ profundes Wissen, seine Erfahrung und seine Sorgfalt machen das Buch zu einem unverzichtbaren Standardwerk. Es belegt, dass es noch ein anderes Berlin im „Dritten Reich“ gab, das die Nazis nie völlig unterwerfen konnten.

— Hans-Rainer Sandvoß: Die „andere“ Reichshauptstadt. Widerstand aus der Arbeiterbewegung in Berlin 1933 bis 1945. Lukas Verlag, Berlin. 668 Seiten, 29,80 Euro.

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