Berlin : Die S-Bahn auf dem Weg zum Dauerstreik

Erst droht Ausstand, danach gilt eventuell bis zum Herbst der „Ferienfahrplan“. Das bedeutet kurze Züge, Ausfälle und Wartezeiten

Klaus Kurpjuweit

Für Fahrgäste der S-Bahn könnte es jetzt richtig ärgerlich werden. In den nächsten Tagen ist, wie bei der „großen“ Bahn, erneut mit einem Streik der Triebfahrzeugführer zu rechnen. Und selbst wenn sich die Gewerkschaften und der Bahnvorstand auf einen neuen Tarifvertrag einigen, wird es bei der S-Bahn wohl Einschränkungen im Betrieb geben. Weil Fahrer fehlen, kann der bereits gut eine Woche vor Beginn der Schulferien eingeführte „Ferienfahrplan“ bis in den Herbst gelten. Verstärkungszüge fallen aus, Linien werden verkürzt oder fahren am Wochenende gar nicht.

Insider schließen nicht aus, dass es erst 2008 wieder normalen Betrieb gibt. Der hohe Krankenstand bei den Triebfahrzeugführern, der zu den Streichungen im Zugangebot geführt hat, habe sich zwar halbiert, sagte S-Bahnsprecher Gisbert Gahler. Doch wenn die Quote nicht weiter deutlich zurückgehe, lasse sich das vom Senat bestellte Angebot wohl auch nach Ferienende nicht in vollem Umfang fahren.

Der Senat kann nicht direkt eingreifen. Wenn die S-Bahn nicht die Leistungen bringt, die vereinbart sind, kann er am Jahresende nur den Zuschuss kürzen. 225,1 Millionen Euro sollte die S-Bahn in diesem Jahr bekommen. Nun wird der Senat einen zweistelligen Millionenbetrag zurückhalten. Das Nachsehen haben die Fahrgäste. Wenn sie länger auf Züge warten oder häufiger umsteigen müssen, haben sie keinen Anspruch darauf, dass die S-Bahn einen Teil der Kosten für Monats- oder Jahreskarten erstattet.

Probleme hat die S-Bahn aber nicht nur mit dem hohen Krankenstand. Seit Jahren verfolgt sie ein Programm „Optimierung S-Bahn“, kurz OBS genannt. Es hat dazu geführt, dass sich die Zahl der Fahrer von 1050 zu Beginn des Jahres auf etwa 900 reduziert hat. Die S-Bahn-Geschäftsleitung hatte ausgerechnet, dass mit neu eingeteilten Dienstzeiten sogar etwa 865 Fahrer reichen würden. Die neuen Dienstzeiten musste die Geschäftsleitung nach Protesten des Betriebsrates aber zurücknehmen, so dass jetzt wieder mehr Personal benötigt wird. Schon vor Einführung der neuen Dienstpläne hätten Fahrer Überstunden machen oder in der Freizeit – gegen eine Prämie – arbeiten müssen, sagen Mitarbeiter. Die hohe Belastung habe dann zu dem hohen Krankenstand von zwölf Prozent geführt.

Zum OBS-Programm gehören aber auch Einsparungen bei der Zahl der Züge. Nach Tagesspiegel-Informationen soll die Zahl der sogenannten Viertelzüge, die aus je zwei Wagen bestehen, von 650 auf 580 sinken. Der Bedarf für ein attraktives Angebot liege jedoch bei 620.

Seit langem setzt die S-Bahn auf vielen Strecken schon kürzere Züge ein. Die früher übliche Sitzplatzgarantie ist damit nicht mehr gewährleistet. Wie kurz die Züge werden dürfen, hat sich die S-Bahn sogar durch ein Gutachten ausrechnen lassen. Nach Gahlers Angaben ist die Zahl von 580 Viertelzügen aber noch nicht festgeschrieben.

Weil Fahrer und Wagen fehlen, werden die Züge jetzt auch seltener gereinigt. „Die Kisten fahren, egal, wie dreckig sie sind“, sagte ein Fahrer. Könne der Schmutz den Fahrgästen nicht mehr zugemutet werden, schließe der Fahrer eben die Türen zu. Für die Fahrgäste in den anderen Wagen wird es dann noch enger.

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