Berlin : Die Schöneberger Insel: Hier gehörte Marlene Dietrich zu den Eingeborenen

Tobias Arbinger

Auf dem obersten Ring des ehemaligen Gasbehälters an der Torgauer Straße liegt einem die Schöneberger Insel zu Füßen. 419 Stufen geht es hinauf auf das tonnenförmige, 1908 von englischen Ingenieuren konstruierte Stahlskelett. In 78 Meter Höhe ist zu sehen, woher die Insel ihren Namen hat: Das Wohnviertel ist von den Gleisen der Potsdamer-, Anhalter- und der Ringbahn eingeschlossen. Gleich einer Pickelhaube ragt die Kuppel der Königin-Luise-Gedächtniskirche daraus hervor. Richtung Norden erahnt man die Lage des Matthäus-Kirchhofs, auf dem etliche Berühmtheiten begraben sind, darunter die Gebrüder Grimm und Rudolf Virchow.

Als "Rote Insel" ist der Stadtteil auch bekannt. Die Geschichte des proletarischen Wohnviertels, in dem sich Sozialdemokraten und Kommunisten den Nazis in den Weg stellten, hat längst Züge eines Mythos angenommen. Etwa 70 Prozent der Stimmen erhielt die SPD bei einer Reichstagswahl in der Monumentenstraße. Etwas mehr als 30 Prozent der Erststimmen errang die Partei dort bei der vergangenen Wahl zum Abgeordnetenhaus. Arbeiterkieze gibt es heute ohnehin kaum noch. Wie ein Flickenteppich sehen die Häuserfronten in der Leberstraße aus. Viele Stuckfassaden sind schon renoviert, dazwischen liegen mit grau-brauner, bröckeliger Patina überzogene Altbauten. Hie und da hängt eine Regenbogenflagge aus einer Altbauwohnung. In den Ladenfronten sitzen unter anderem die "Inseldestille", ein Hundesalon und der türkische Fanclub "Spor Kulübü". In der Straße führt Kerstin Tiede eine der letzten Kohlehandlungen der Gegend. "Früher haben wir fast nur Schöneberg und Friedenau beliefert", erzählt Kohlenträger Wolfgang Emmermann. "Heute fahren wir bis nach Friedrichshain und Prenzlauer Berg" - in Gegenden, wo die Gasheizung das Geschäft noch nicht völlig verdorben hat.

Nur wenige Minuten Fußweg entfernt ging vor 60 Jahren ein Mann gezwungenermaßen ebenfalls dem Kohlehandel nach, der vermutlich einer der politisch aktivsten Vertreter seiner Zunft war. In der Torgauer Straße 24 verkaufte der SPD-Reichstagsabgeordnete und spätere Widerstandskämpfer Julius Leber Brennmaterialien. Eine Notlösung für den Politiker, der bis 1937 in "Schutzhaft" im KZ Sachsenhausen gesessen hatte und danach Berufsverbot erhielt. Leber führte den Kohleladen mit Erfolg und machte ihn zudem zu einem Stützpunkt des Widerstandes. Wegen seines Engagements in der Gruppe um den 20. Juli wurde Leber von den Nazis 1944 in Plötzensee hingerichtet.

In der später nach dem Widerstandskämpfer benannten Straße liegt auch das Geburtshaus Marlene Dietrichs, ein unscheinbarer grauer Altbau. Marlenes Vater Louis-Erich-Otto war bei ihrer Geburt 1901 Polizeileutnant auf der Insel. Im Restaurant "Blauer Engel", nicht weit entfernt in der Gotenstraße gelegen, kann man die Filmlegende auf etlichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen sehen. Der Wirt und Marlene-Fan Andreas Ehlers serviert dort seit dreieinhalb Jahren Neu-Deutsche Gerichte.

Viele Kinder muss es auf der Schöneberger Insel geben. Darauf deuten zumindest eine Handvoll Spielplätze hin, die auf alten Brachgrundstücken liegen, und reichlich Kinderläden. Unter Namen wie "Freibeuter" oder "Schülerladen Kick" fällt der deutsch-türkische Kinderladen "Tomurcuklar" in der Naumannstraße auf. 18 deutsche, türkische und arabische Kinder verbringen dort den Tag. Die Erzieherinnen tragen zum Teil Kopftuch, eine Türkin kocht. Auch türkische Eltern lebten in Berlin nicht mehr in Großfamilien und brauchten deshalb jemand anderen, der die Kinder hüte, sagt Erzieherin Hatime Karabulut. Zudem erhofften sich viele, dass ihre Kinder im Kinderladen leichter Deutsch lernen als zu Hause.

Die Insellage bringt Probleme mit sich. "Die Anwohner ärgern sich über die schlechte Verkehrsanbindung", sagt Axel Seltz, SPD-Fraktionschef in der Schöneberger Bezirkverordentenversammlung. "Die Leute fluchen, dass der 187er Bus so selten fährt." Außerdem ist es für die, die in der Mitte der Insel wohnen, ein gutes Stück zu den S-Bahnhöfen Schöneberg oder Großgörschenstraße. Ein neuer Haltepunkt an der Julius-Leber-Brücke ist von der Bahn zugesagt, lässt aber seit Jahren auf sich warten. Als "Viertel für Leute, die es etwas ruhiger mögen" beschreibt Seltz die Insel, auf der er bis vor einiger Zeit selbst gewohnt hat. Viele Leute lebten dort ihr Leben lang, ein großer Teil der Häuser gehöre einzelnen Personen und keinen anonymen Gesellschaften. "Da wird darauf geachtet, wie sich die Mieterschaft zusammensetzt."

Im "Sporteck" an der Gotenstraße, einer 98 Jahre alten Kneipe, ist hingegen vom "Ausverkauf" des Viertels die Rede. Wohnung um Wohnung werde verkauft, sagt Friedhelm Lennartz, Mitglied des Sparvereins "Sparsocke", der wie die "SG Cherusker 90" im Sporteck zu Hause ist. Als Alteingesessener könne man sich das Leben auf der Insel bald nicht mehr leisten, befürchtet er. Und Wirt Lutz Kleinert findet, dass der Zusammenhalt verlorengegangen ist. Das sei aber das Problem aller Kieze. Kleinert: "Nur die, die hier groß geworden sind, treffen sich noch manchmal auf ein Bier".

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