Berlin : Die Spur gewechselt

Verdi unter Druck: Mitglieder laufen zur GDL über. Auch andere kleine Gewerkschaften wachsen

Hannes Heine

Unterstützen sie den Streik bei der BVG? Mathias Ruppelt versteht die Frage nicht. „Klar bin ich solidarisch“, sagt der U-Bahnführer überzeugt. Auch wenn dem 45-Jährigen lieber wäre, die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) würde mit dem Senat verhandeln und nicht die Großgewerkschaft Verdi. „Wir hätten uns die Blockade des Finanzsenators nicht so lange bieten lassen“, sagt Ruppelt, seit kurzem GDL-Mitglied. Er ist weg von Verdi, die kleine Lokführer-Gewerkschaft gefällt ihm besser. Noch gilt für deren Leute zwar die Friedenspflicht, doch das könnte sich bald ändern: Die GDL will als Tarifpartner der BVG anerkannt werden, dann könnten auch ihre Mitglieder bei U-Bahn und Bussen offiziell in den Ausstand treten. „Uns hat der Streik für einen eigenen Tarifvertrag bei der Bahn viel Zulauf gebracht“, sagt Hans-Joachim Kernchen, Chef der Lokführer für Berlin, Brandenburg und Sachsen.

Knapp 500 Mitstreiter soll die GDL bei der BVG haben. Von Verdi heißt es: „Die haben nur ein Dutzend, nicht mehr.“ Die Großgewerkschaft fordert für die knapp 12 000 BVG-Beschäftigten zwölf Prozent mehr Gehalt. Rund 1600 Euro brutto verdienen Berufsanfänger monatlich, langjährige Kollegen 2300 Euro. „Doch wir wollen nicht nur mehr Lohn sondern auch mehr Respekt“, sagt Ruppelt. Die GDL will den Status der U-Bahnführer verbessern: „Bei den Ämtern gelten wir immer noch als Hilfsarbeiter.“ Verdi habe das mit sich machen lassen.

Vor fünf Jahren ist er bei Verdi ausgetreten. „Die Funktionäre waren nicht nah genug an unseren Problemen dran, die Gewerkschaft war selber wie ein großes Unternehmen“, sagt Mathias Ruppelt, der seit 15 Jahren bei der BVG arbeitet. Damit ist er nicht der einzige: Verdi hat in den vergangenen Jahren bundesweit hunderttausende Mitglieder verloren, und kämpft inzwischen an allen Fronten. Auf den Flughäfen will sich neben den Piloten nun auch das Bodenpersonal in einer eigenen Gewerkschaft organisieren, der Ärzteverband Marburger Bund droht damit, Pfleger in die eigenen Reihen aufzunehmen, und in einstigen Verdi-Hochburgen wie den kommunalen Verwaltungen wildern kleinere Fachgewerkschaften.

Viele von ihnen gehören, wie die GDL, dem Beamtenbund an, dem allein 2007 fast 13 000 Kollegen beigetreten sind. „Wir sind näher an den Beschäftigten. Unsere Mitgliederentwicklung ist bemerkenswert, bedenkt man den schwindenden Zulauf, den andere Gewerkschaften beklagen“, sagt Peter Heesen, Chef des Beamtenbundes, stolz.

Noch sind 80 Prozent der Bus- und U-Bahnfahrer bei Verdi, die GDL will zunächst die unorganisierten Kollegen ansprechen. Intern wird bei Verdi vor Anwerbeversuchen der Konkurrenz gewarnt. Ehrenamtliche Helfer wurden kürzlich per Rundmail gebeten, Aktivitäten von GDL & Co. im Auge zu behalten. Doch bei der Großgewerkschaft weiß man: Die Mitgliedsbeiträge der anderen sind niedriger.

Ruppelt zahlt jeden Monat 13 Euro an die GDL. Bei Verdi wären mehr als 20 Euro fällig. „Wir haben weniger Bürokratie“, begründet GDL-Mann Kernchen diesen Vorteil. Drei Gewerkschaftsfunktionäre vertreten die 5000 Mitglieder in Berlin, Brandenburg und Sachsen, 40 Hauptamtliche die 35 000 Mitglieder in ganz Deutschland. „Kein Kunststück, wenn man nur eine Branche betreuen muss“, heißt es bei Verdi verärgert. Doch die Lokführer-Aktionen zeigen Wirkung, ob bei der BVG, den Kommunen oder im Handel: Verdi streikt so viel wie nie. Eine Betriebsrätin, die Verdi treu bleiben will, sagt: „Wenn wir nicht streiken, machen es bald andere.“ Vielleicht Mathias Ruppelt. Hannes Heine

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