Berlin : Die Stammzähler

Vier Trupps von Forstleuten durchstreifen derzeit Brandenburgs Wald und untersuchen, wie es ihm geht. Ein Team haben wir begleitet

Alexander Budweg
Neues aus dem Wald. Harry Zippel (li.) und Manfred Stief erfassen Brandenburger Daten für die Bundeswaldinventur. Foto: Alexander Budweg
Neues aus dem Wald. Harry Zippel (li.) und Manfred Stief erfassen Brandenburger Daten für die Bundeswaldinventur. Foto: Alexander...

Luckenwalde - Dicke Nebelschwaden umwabern das Waldstück zehn Kilometer nordwestlich von Luckenwalde. Harry Zippel, Forsteinrichter beim Landesbetrieb Forst Brandenburg, sucht mit einem Metalldetektor den Boden ab. „Weiter nach links“, rät Manfred Stief. Der Förster aus Treuenbrietzen hat einen Tablet-PC in der Hand und weist mittels GPS-Empfänger den Weg. Die Männer suchen ein T-Eisen, das hier vor neun Jahren im Boden versenkt wurde. Ihr Auftrag: an dieser Stelle Bäume zählen.

In ganz Brandenburg sind derzeit vier solcher Zähltrupps unterwegs, um für die Bundeswaldinventur Daten über den Zustand der Wälder zu sammeln. Nach 1987 und 2002 ist es bundesweit die dritte Erhebung dieser Art, für Brandenburg aber erst die zweite. „Wir erhalten damit zum ersten Mal Aussagen darüber, wie sich der Wald bei uns in den vergangenen zehn Jahren verändert hat“, sagt Detlef Keil, Koordinator für Waldinventuren beim Landeskompetenzzentrum Forst in Eberswalde. Zu beantworten gilt es sowohl ökologisch als auch ökonomisch wichtige Fragen: Wie robust sind unsere Wälder gegen Schädlinge? Wie viel Holz steht in den nächsten Jahren zur Verfügung? Und wie hoch ist die Menge des im Wald gespeicherten Kohlenstoffes?

Das Navigationssystem führt die beiden Forstarbeiter bis auf 50 Zentimeter an die gesuchte Stelle heran. „Manchmal liegen unsere Messpunkte knapp neben dem Ort in der Karte, weil die bei der letzten Bundeswaldinventur noch kein GPS hatten. Für uns heißt es dann suchen“, sagt Stief. Doch Glück gehabt: Der Metalldetektor weist auf eine Vertiefung knapp neben der vom PC angegebenen Stelle. Harry Zippel scharrt mit seinem Schuh das Moos beiseite und sticht einen Zollstock ans Kopfende des T-Eisens. Er markiert den Mittelpunkt des zehn Meter großen Messkreises. Auf seinem Tablet-PC sieht Manfred Stief, wo hier vor neun Jahren überall Bäume standen.

Bevor die Forstarbeiter sich jedoch mit ihnen beschäftigen, müssen sie zunächst besondere Gräser und Kräuter am Boden vermerken. „Da schreibt wahrscheinlich jemand eine Doktorarbeit über den Bestand von Springkräutern und Beeren“, sagt Zippel. Doch an dieser Stelle wächst weder das eine noch das andere. Und auch mit dem zweiten Punkt auf ihrer Liste sind die Männer schnell fertig: Jungtriebe finden sich hier ebenfalls nicht. „Wir befinden uns an einem sehr armen Standort, für den eigentlich Eichen und Brombeeren typisch wären“, erklärt Stief. Doch der Mensch hat daraus einen reinen Kiefernwald gemacht, weil die schnell wachsenden, pflegeleichten Nadelbäume wesentlich ertragreicher sind.

Brandenburg gehört zu den waldreichsten Regionen Deutschlands. Mehr als eine Million Hektar sind mit Laub- und vor allem Nadelhölzern bedeckt, wobei die Gemeine Kiefer mit 73 Prozent den größten Anteil für sich beansprucht. „Der Wald ist Schutz- und Erholungsgebiet wie auch wichtiger Wirtschaftsfaktor“, sagt Jens-Uwe Schade, Sprecher von Brandenburgs Landwirtschaftsminister Jörg Vogelsänger (SPD). So erwirtschaftete die verarbeitende Holzindustrie 2010 mehr als eine Milliarde Euro Umsatz und ist mit 3492 Beschäftigten ein wichtiger Arbeitgeber in der Region. Zählt man die Angestellten des Landesforstbetriebes sowie anderer in der Forst- und Holzwirtschaft tätiger Unternehmen hinzu, gibt der Wald fast 15 000 Menschen im Land Arbeit.

Manfred Stief und Harry Zippel erfassen als nächstes das Totholz. „Um den Gesamtgehalt des im Wald gespeicherten Kohlenstoffes errechnen zu können, muss auch das Holz am Boden gezählt werden. Schließlich steckt das Gas da ja noch drin“, sagt Manfred Stief. Doch erst Äste ab zehn Zentimetern Durchmesser werden mitgezählt. Anschließend geht es endlich um die Bäume. Zippel markiert die Kiefern mit denselben Nummern wie vor neun Jahren. „Wenn ein Baum nicht mehr da ist, weil er gefällt wurde oder durch einen Sturm umgekippt ist, fällt die Nummer weg“, erklärt er. Der Grund für das Fehlen wird allerdings notiert – so weit die Männer dies nachvollziehen können.

Während Zippel die Nummern an die Stämme pinnt, misst er auch deren Umfang und dank Lasermessgerät deren Höhe. Die Daten tippt Stief in den Tablet-PC ein. Schließlich untersuchen die Forstarbeiter die Kiefern nach Wildschäden und Schädlingsbefall und ordnet sie einer Kategorie von eins bis vier zu. Letztere sagt aus, wie hoch ein Baum ins Blätterdach des Waldes reicht.

Nach einer Stunde sind alle wichtigen Informationen notiert. „Bis bald“, sagt Zippel in Richtung der Kiefern und geht mit Stief zum nächsten Messpunkt. Ihre Daten werden sie am Abend dem Johann-Heinrich-von-Thünen-Institut in Eberswalde übermitteln. Die Auswertung dieser und der anderen 400 000 Messpunkte in Deutschland wird noch bis 2014 andauern.

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