Berlin : Die Taschen voller Mark und Pfennig

Ein Besuch bei der Bundesbank-Filiale, die immer noch große Mengen altes Geld in Euro umtauscht

Cay Dobberke

An Mark und Pfennig herrscht weiterhin kein Mangel – das zeigt der Alltag in der Berliner Filiale der Deutschen Bundesbank. Knapp drei Jahre nach der Währungsumstellung kamen auch gestern noch mehr als hundert D-Mark-Besitzer an die Kurstraße in Mitte. Die Bundesbank ist verpflichtet, die alte Währung unbefristet anzunehmen und tauscht allein in Berlin täglich bis zu 180 000 Mark in Euro um. Münzen werden in Plastiktüten, Jutesäcken und Eimern dorthin gebracht. Doch woher stammt das viele alte Geld? Wir haben geschaut, wer dort umtauscht.

Die Chefin des Shopping-Centers kommt alle zwei Monate an den Schalter und bringt je etwa 2000 D-Mark mit. Sie gehört zur Leitung des Allee-Centers an der Landsberger Allee. Denn im Büro der dortigen Centermanager können Kunden die alte Währung jederzeit gegen Einkaufsgutscheine tauschen – zum offiziellen Wechselkurs von rund 51 Cent für eine Mark. „Wir weisen darauf mit Plakaten und in der Center-Zeitung hin“, sagt die Frau. Alle Center der ECE-Gruppe bieten den Umtausch an, manche aber nur zu besonderen Anlässen. Die Potsdamer-Platz-Arkaden zum Beispiel kurbeln so das Weihnachtsgeschäft an. Wöchentlich kommen dort 3500 bis 4000 D-Mark zusammen.

Der Münzen-Erbe hat von seinen Eltern eine ganze Sammlung überlassen bekommen. Zur Bundesbank bringt er nun „ein paar hundert“ Mark, allerdings nur die gewöhnlichen „Umlaufmünzen“. Alte Sonderprägungen und Gedenkmünzen will der Berliner hingegen behalten. Außerdem besitzt er einige in Beuteln eingeschweißte Euromünzen aus der Anfangszeit der neuen Währung – und setzt so die Sammeltradition der Familie fort.

Der Unternehmer löste vor drei Wochen wegen Umzugs das Büro seines Internetcafés auf und fand in einer Kiste diverse Mark- und Pfennigmünzen. 70 Mark tauschte er in Euro um, ein paar weitere Münzen „hebe ich für meine Kinder auf“.

Die Bücherfreundin entdeckte überraschend 60 Mark in Scheinen in einem Romanband. Wie das Geld einst ins Buch gelangt war, kann sie nicht mehr nachvollziehen.

Der Klein-Sparer hat gerade sein altes Sparschwein zerschlagen. „Ich weiß gar nicht, warum ich es erst jetzt geschlachtet habe.“ Die knapp 50 Mark daraus könne er gut gebrauchen.

Der Wühler war in „diversen Jackentaschen“ fündig geworden – ein Rentner, der mit einem kleineren Betrag bei der Bundesbank erschien.

Der Tourist aus Russland gehörte gestern zu den vielen Reisenden, die aus früheren Deutschland-Besuchen noch Beträge in der alten Währung übrig haben. Etwa ein Fünftel der D-Mark-Einzahler seien Touristen, schätzen Angestellte der Bundesbank. Osteuropäer bringen manchmal D-Mark aus dem eigenen Land mit, weil diese dort früher als „Nebenwährung“ verbreitet war.

Die Kassiererin an einem der Schalter plaudert gern mit Kunden und kennt die gängisten Quellen für die alte Währung: geschenkte Bücher und Geburtstagskarten, die in Vergessenheit geraten waren. Viele ältere Berliner bringen Geldscheine mit, die sie zu Hause versteckt hatten. An dieser Praxis ändere der Umtausch häufig nichts, sagt die Kassierin: „Auch die Euros landen oft wieder im Sparstrumpf.“ Wenn große Beträge zum Umtausch gebracht werden, sei meist jemand verstorben. Angehörige hätten das Geld dann bei der Wohnungsauflösung entdeckt. „Manchmal kommen auch noch Leute mit DDR-Mark“, heißt es am Bankschalter. Doch die ostdeutsche Währung ist schon lange nichts mehr wert – die Bundesbank kann allenfalls für die Vernichtung sorgen.

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