Berlin : Die Tradition des Widerspruchs

Berliner Wahlkreise – Folge 7: In Pankow können die Gegensätze zwischen Norden und Süden wahlentscheidend werden

Marc Neller

Man kann Werner Schulz dieser Tage kaum ausweichen, wenn man in Pankow, Weißensee oder Prenzlauer Berg westlich der Prenzlauer Allee wohnt. Gerade hat man den Wirtschaftsexperten der Bundes-Grünen in den Nachrichten gesehen – wegen seiner Klage gegen die Neuwahlen. Und dann sieht man sein Konterfei überall, obwohl er die Wahl gar nicht will.

Widerspruchsgeist alleine wird Schulz kaum reichen, um das Direktmandat im Wahlkreis 77, einem der spannendsten der Republik, zu gewinnen. Auch wenn der südliche Teil eine gewisse Tradition im Widerstand hat: Zu DDR-Zeiten pflegten dort Künstler und Aussteiger ihre Gegnerschaft zur herrschenden politischen Meinung. Schulz muss hoffen, seine nun stark gestiegene Bekanntheit möge ihm helfen. Denn in Berlins einwohnerstärkstem Bezirk treten drei weitere prominente Kandidaten an: Noch-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), der CDU-Bundestagsabgeordnete Günter Nooke und für die Linkspartei Landeschef Stefan Liebig.

Schulz, Thierse, Nooke: Die drei Herren kennen sich gut, alle drei waren DDR-Bürgerrechtler. Nach der Wende hat man auch schon Wahlkampf gegeneinander geführt. Für Thierse, der seit Jahren am Kollwitzplatz wohnt, war das zuletzt erfreulich: Vor drei Jahren fuhr er mit 44,7 Prozent das beste Erststimmenergebnis Berlins ein. Nooke kam auf knapp 17 Prozent, Schulz auf 6,5. Vieles spricht dafür, dass es für Thierse dieses Mal kein ähnlich gemütlicher Wahlabend wird.

Denn Pankow ist ein Bezirk der Gegensätze, die relevant sind für die Wahl: wohlhabender Süden, städtisch, mit junger Bevölkerung – einer von drei Einwohnern keine 30 Jahre alt. Den Norden prägen Neubauviertel oder ländliche Gegenden, jeder vierte Bewohner ist älter als 60 Jahre. Zwar lag die Arbeitslosenquote im Bezirk mit 17,4 Prozent Ende Juli recht deutlich unter dem Berliner Schnitt, aber auch sie ist ungleich verteilt: Im Norden leben deutlich mehr Menschen von Arbeitslosengeld als in den Szenevierteln um Kollwitz- oder Helmholtzplatz. Dort wohnt ein alternativ-gesetztes Publikum, mit vielen Zuzüglern aus dem Westen. Während in den Plattenbauten weiter weg vom Zentrum der Osten noch Osten ist.

Das war 2002 kaum anders. Nun aber will die hohe Arbeitslosigkeit nicht sinken, es gibt die Wut auf Hartz IV und deswegen gute Umfrageergebnisse für die neue Linke. Die darf darauf hoffen, in Pankow von der Proteststimmung zu profitieren. Gerade im Norden des Wahlkreises, gerade im Altbezirk Pankow. Denn dort hat ihre Vorgängerpartei PDS noch etwas gutzumachen: Ihre Kandidatin konnte das scheinbar sichere Direktmandat nicht verteidigen. Obwohl der Wahlkreis als PDS-Hochburg galt. Wahlforscher sprachen von einem Debakel. Mehr noch: Die Grünen feierten ihre größten Zugewinne im Bezirksteil Pankow, weshalb sie mit 16 Prozent der Zweitstimmen dritte Kraft nach SPD und PDS wurden.

Wie die 220 000 Stimmberechtigten diesmal ihre Gunst verteilen, ist schwer vorherzusagen. Entscheidend ist: Kann die Linke ihr Potenzial in den weniger schicken Ecken von Prenzlauer Berg mobilisieren – und in den Villenvierteln am Majakowskiring, wo vor der Wende die Führungskader wohnten? Wird Thierse stellvertretend für die Politik seiner SPD abgestraft? Profitiert die Pankower CDU von der Wechselstimmung in Bund?

Dort setzten sich bei der Mai-Wahl des Kreisvorsitzenden die altmodischen OstChristdemokraten durch. Die jüngeren Streiter für eine liberale Großstadt-CDU unterlagen mit ihrem Kandidaten Nooke. Auch deshalb kämpft der nun ums politische Überleben. Wie Schulz. Anders als Thierse sind beide nicht über die Landesliste ihrer Partei abgesichert. Die Wahl in Pankow könnte also zwei Bürgerrechtlerkarrieren auf einmal beenden. Vieles ist denkbar. Sogar eine Viertelteilung der Stimmen scheint nicht abwegig. Unter Umständen könnten 26 Prozent der Erststimmen für ein Direktmandat reichen.

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