Berlin : Die Verhaftung Milosevics: Nur wenige Berliner Serben bangen noch um Milosevic

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Die Umstände der Verhaftung Slobodan Milosevics seien "eine Schande", sagt Milan Kovacevic. Der serbischstämmige Bauunternehmer lebt seit Jahrzenten in Berlin. Aber in den letzten Tagen war er in Gedanken in Belgrad - und in jeder freien Minute vor dem Fernseher. Er sei kein Milosevic-Anhänger, betont Kovacevic mehrfach. Nur ein Serbe in Sorge um sein Land. Warum, fragt er, wurde Milosevic ausgerechnet an dem Tag verhaftet, den die USA der serbischen Regierung als Ultimatum gesetzt hatten? Die Antwort des Bauunternehmers: Weil diese Regierung "ein neuer Satellit" der amerikanischen sei. Als erpressbar habe sich Präsident Kostunica nun erwiesen. Dem internationalen Gerichtshof in Den Haag solle Milosevic erst dann übergeben werden, wenn ihm Verbrechen nachgewiesen werden könnten.

Zum Thema Online Spezial: Wie geht es weiter mit Milosevic? Auch der Soziologe und Publizist Zlatomir Popovic hält die serbische Koalitionsregierung für relativ schwach - und zieht ganz andere Schlüsse daraus. Die Besorgnis erregende Schwäche der Regierung zeige sich im Streit um die Verhaftung und mögliche Auslieferung Milosevic nach Den Haag und im "großen Dilettantismus" im Umgang mit dem Ex-Präsidenten. Popovic stellt andere Fragen als sein Landsmann Kovacevic: Warum wurde Milosevic nicht schon viel früher aus der Präsidenten-Residenz entfernt und wie war es ihm möglich, ein solches Waffenarsenal anzusammeln? Teile des Staatsapparates und führende Kräfte in der Polizei und beim Militär seien eben noch immer oppositionell zur neuen Regierung. Die "Säuberung" dieser Strukturen sei mit Milosevics Verhaftung erst möglich geworden.

Der serbisch-orthodoxe Geistliche Veljko Gacic ist "erleichtert, dass alles ohne Blutvergießen vor sich gegangen ist". Mit der Verhaftung des Ex-Präsidenten habe der serbische Rechtsstaat begonnen, zu funktionieren. Die Botschaft, die Gacic in diesen Tagen aus Serbien empfängt: "Endlich geht es mit den Tyrannen und Despoten zu Ende." Die Demonstranten vor der Präsidenten-Residenz, die Milosevic beistehen wollten, seien eine kleine Minderheit in Serbien. Die Berliner Serben hätten sich mehrheitlich von ihm abgewandt.

"Wir haben am Anfang alle auf Milosevic gesetzt", sagt Radisav Milic, Maschinenprogrammierer bei Siemens. "Aber dass er so viel falsch machen würde, hat kein Mensch geglaubt." Verpasst habe Milosevic, Bosnien rechtzeitig zu kantonisieren und Teile des Kosovo abzutrennen. Jetzt sei er auch in der serbischen Gemeinde Berlins "abgeschrieben". Ohne ihn komme man vielleicht weiter als mit ihm.

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