Berlin : Die Weinpreise sind sehr bekömmlich, und die Karte trägt die Signatur von Kennern

Elisabeth Binder

Gormannstr. 14, Mitte, Tel. 2800940, geöffnet tägl. von 12 bis 15 und von 18 bis 24 Uhr. Alle gängigen KreditkartenElisabeth Binder

Nun haben Sie sich vielleicht gelegentlich gefragt, wovon es abhängt, in welcher Klasse ich ein Restaurant einstufe. Da gibt es einige Faktoren, aber auch einen kleinen Trick, der mir hilft: nämlich das Krawattenspiel. Das beginnt so: "Wie fein ist denn das, wo wir heute Abend hingehen", fragt mein Begleiter unmittelbar nach der Ankunft aus dem in dieser Hinsicht wenigstens eindeutigen Blankenese. "Keine Ahnung", antworte ich in der Regel, "ich war ja noch nicht da". Lautes Aufseufzen aus der Richtung meines geplagten Begleiters: "Na, das kann ja wieder wunderbar werden." Es folgt ein kleiner Blick in den Spiegel auf einen blütenweißen Kragen und ein britisches Jackett, dann verschwindet die Krawatte erst mal in der Jackentasche. Das wissen nicht nur die Blankeneser: In keiner Stadt ist man so leicht overdressed wie in Berlin. Das gilt, allen Glamour-Schüben der vergangenen Wochen zum Trotz, immer noch.

Der zweite Seufzer folgt, wenn wir durch eine düstere zugeparkte Straße fahren, in der sich das Ziellokal befinden soll; ich glaube, dann vergräbt er den Schlips immer unter einem frischen Stofftaschentuch. Aber dann die Weltbühne. Alte Ausgaben derselben in einer blitzenden Vitrine im Eingang, dahinter eine dieser todschicken, schlauchförmigen Bars, die, wenn sie sich weiter so rasant vermehren, die Preise für Edelhölzer und -stahl sowie Marmor und Glas in schwindelerregende Höhen treiben. Am Ende der Bar gelangt man an eine Garderobe und in die Hände einer hochprofessionellen Hostess, die einen in den wirklich riesigen Restaurantraum führt. Im Sommer wird der noch erweitert durch eine Terrasse. Wir sahen lange Tafeln, geschickte Nischen, grüne Lederbänke, viel braunes Holz, zahllose Spiegel, ziemlich kitschige Kronleuchter, das deutliche Bemühen, ein originales Ambiente herzustellen. Wir vermissten: etwas Bezauberndes, Anheimelndes; Kerzen zum Beispiel oder Blumen, etwas, das einen innerlich für Genuss öffnet. (Es gab einige Sträuße, leicht verwelkt, hoch auf den Balustraden). War es die etwas strenge Vornehmheit, addiert mit der besonderen Beflissenheit der Kellner? Die Krawatte tauchte jedenfalls wieder auf aus den Tiefen der Tasche und wurde, kaum hatte der Ober die Angebote des Tages runtergerattert, sorgfältig um den blankenesischen Hals geknotet. Es gibt viergängige Menüs für unter 100 DM, auch ein vegetarisches für 75 DM. Außerdem gibt es regionale Spezialitäten wie die Brandenburger Ente für zwei Personen in drei Gängen (110 DM). Wir begannen erst einmal langsam mit Champagner und Campari, mit zwei Sorten Brot (Baguette und Ciabatta), Kräuterkäse und Butter. Dann folgten Austern auf zerstoßenem Eis mit Pumpernickel-Käse-Streifen (6 Stück = 24 DM). Von den sechs Austern waren zwei ziemlich trocken, was als Ergebnis nicht so schlecht ist, aber auch nicht so gut. Dann folgte der ultimative Beweis, dass der Koch verliebt ist, wenn es denn nicht altmodisch ist, versalzenes Essen auf derlei Wirrungen der Gefühle zurückzuführen. Es gab getrüffelte Kartoffelterrine mit Seezungenfilets und Olivenbrioche, und wenn die Terrine Salzfässchen-Mousse geheißen hätte, dann hätte ich ihr das auch geglaubt. Dazu ein bisschen Salat und ein kleines bisschen Sauce, immerhin Trüffel (26 DM). Der Trost meines Begleiters, dass die Austern auch salzig gewesen seien, löschte meinen Durst auch nicht.

Das tat dafür sehr wacker der erfreuliche kalifornische Sundial Chardonnay von Fetzer aus dem Jahr 97 (43 DM). Überhaupt sind die Weinpreise sehr bekömmlich, und die Karte trägt die Signatur von Kennern. Der gebratene Havelzander mit Blattspinat war sehr schön gelungen, die Pestokartoffeln traten vielleicht eine Spur zu dezent auf, aber sollen sie doch (39 DM). Außerdem probierten wir noch Seezungenfilets mit Fenchelsamenbutter, glasierten Zuckerschoten und (etwas klebrigem) Safranreis (41 DM). Das war alles recht ordentlich gelungen, sogar die Salzrationen hielten sich am späteren Abend in Grenzen, aber den Gerichten haftete doch dieses typisch gehobene Bistroparfüm an, das in mir immer einen Heißhunger auf wahlweise Selbstgekochtes oder Dreisterniges provoziert. Die gehobene Mitte schmeckt mir einfach zu artig, das ist wohl das Problem.

Inzwischen hatten sich an den längeren Tischen Touristengruppen breit gemacht, von denen eine den ultimativen Beweis bot, dass selbst Italiener ihre Eleganz verlieren, wenn sie in Massen und als Touris auftreten. Wo man hinblickte: T-Shirts der lässigen Art. Am anderen Tisch eine Gruppe, die eine mir unbekannte Sprache pflegte, aber ebenfalls der TUI-Variante des fahrenden Volks zuzurechnen war. Mein Begleiter hatte bereits eine ganze Weile an seinem Knoten genestelt, nun streifte er sich die Krawatte endgültig ab. So befreit ließen sich die (sehr vielen und winzig kleinen) lauwarmen Rotweinkirschen samt Zimteis erst richtig genießen (16 DM). Der Abschluss gab sich vieldeutig. Zu Espresso und Grappa bekamen wir auf einer silbernen Etagère je zwei Schoko-Crossies und zwei Marzipankartöffelchen in allererster Supermarktqualität. Nachdenklich blickte Blankenese auf seine Jackentasche. Vor der Weltbühne kapituliertselbstdasKrawattenspiel.

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