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Berlin: Die Welt reist ab

Am Montag war der Andrang an Flughäfen und Bahnhöfen so groß wie selten Anders als erwartet lief es fast überall glatt – aber in Schönefeld gab es Ärger

Auf dem Flughafen Schönefeld ist es am Sonntag und Montag zu massiven Flugverspätungen gekommen. Grund war der WM-Rückreiseverkehr. Wegen des überlasteten Luftraums strich die Fluggesellschaft Easy Jet fünf Flüge – da alle Hotels in Berlin ausgebucht waren, mussten zahlreiche Passagiere im Terminal in Schönefeld übernachten. Easy Jet fordert jetzt Schadenersatz von der Deutschen Flugsicherung (DSF), weil diese Privatjets in Tempelhof gegenüber Linienmaschinen mit Hunderten von Passagieren bevorzugt habe.

Die Flugsicherung hatte in Tempelhof einer Maschine nach der anderen mit Staatsgästen, Sponsoren und Prominenten an Bord die Startgenehmigung erteilt, während die Flugzeuge in Schönefeld bis zu drei Stunden am Terminal warteten. Staatsgäste haben jederzeit Vorrang vor anderen Fluggästen, und sie dürfen auch die ganze Nacht hindurch geflogen werden. Allerdings wurden auch Maschinen mit Sponsoren und Prominenten durchgewinkt. Der Senat hatte diese Vorrangsregelung beschlossen.

Auch bei Germanwings in Schönefeld kam es am Montag zu Verspätungen. Geschäftsführer Joachim Klein kündigte eine „massive Beschwerde“ an. Flugsicherungs-Sprecher Axel Raab wies die Vorwürfe zurück. Für die Berliner Airports habe Flughafen-Koordinator Claus Ulrich doppelt so viele Flüge genehmigt wie üblich, am Sonntag waren es 1209. Die völlig überlasteten Fluglotsen hätten durch die Umleitung von Berlin-Maschinen nach Leipzig ein noch größeres Chaos verhindert. Koordinator Ulrich sagte, die Zahl der Starts und Landungen sei mit der Flughafengesellschaft abgestimmt worden. Flughafensprecher Ralf Kunkel betonte, dass „genau die Kapazitäten, die wir avisiert hatten, zur Verfügung gestellt wurden“.

So viel Betrieb wie in der Nacht zu gestern wird der Flughafen Tempelhof wohl nie wieder erleben. Über 200 Businessjets parkten dicht an dicht am Flugfeldrand, und Piloten warteten teils stundenlang auf Flugbenzin. Unzählige Berliner verbrachten wegen Fluglärms rund um Tempelhof, aber auch in Tegel, eine schlaflose Nacht. Sogar in Dachgeschosswohnungen in Kreuzberg stank es nach Kerosin.

In Tegel dagegen ist gestern das befürchtete Chaos ausgeblieben, obwohl 120 000 Passagiere gezählt wurden. Die von der Lufthansa aufgestellten Check-in-Container wurden kaum frequentiert. Hier mischten sich Urlauber, Geschäftsreisende und Fifa-Funktionäre im Nadelstreifen mit Fans in den Trikots aller WM-Teilnehmerländer. Ein Italiener in Grün-Weiß-Rot war ermattet in der Bar eingeschlafen. Zwei Südamerikaner in gelben Hemden hockten am Boden und bliesen abwechselnd in eine Tröte oder krächzten: „Brasil, Brasil“. Nur ein Mann im Frankreich-Trikot blickte etwas mürrisch drein.

Auf dem Hauptbahnhof in Mitte sagte ein Verkäufer im „Virgin“-Laden angesichts des Ansturms, „wir sind heute regelrecht ausgeraubt worden“. Wegen der vielen Sonderzüge floss der Verkehr aber zügig. Bei den Mitfahrzentralen waren die Leitungen dauerbesetzt. Im Straßenverkehr gab es indes keine größeren Staus.

Doch längst nicht alle Fußballfreunde haben die Stadt schon verlassen. Am Potsdamer Platz schaute gestern Michelle Charles aus Trinidad im weiß-roten Trikot auf ihren Stadtplan. „Ich habe Deutschland – Italien in Dortmund und das Finale am Sonntag hier im Olympiastadion gesehen – jetzt gucke ich mir noch bis Dienstag Berlin an.“ So wie die 29-Jährige nutzen zahlreiche WM-Gäste die Ruhe nach dem Sturm fürs Sightseeing. Das bestätigt auch Natascha Kompatzki von der Berlin Tourismus Marketing (BTM). Selbst im kleinen Park Am Karlsbad vor dem Sitz der BTM schliefen Fans im Zelt. In den Potsdamer Platz Arkaden holten Touristen mit Schlafbrille und Stützkissen Schlaf auf Bänken nach. Beim Adlon hieß es, etwa 30 Prozent der WM-Gäste blieben noch etwas länger in Berlin. Und im Intercontinental berichteten die Mitarbeiter an der Rezeption, dass noch nie so viele entspannte, fröhliche Gäste auf einmal ausgecheckt hätten.

Rainer W. During, Annette Kögel

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