Berlin : Die Wohnung an der einstigen Prachtallee der DDR gewinnen

Ulrike Groppe

Der Buchhändler und Historiker Erich Kundel entwickelte eine intellegente Mischung aus DDR-Gedächtnisspiel, "Monopoly", "Mensch ärgere Dich nicht" und "Spiel des Wissens"Ulrike Groppe

Der Titel klingt dramatisch: "Stalinallee - ein Spiel auf Ehre und Gewissen". "Wir wollen hier keinen Politikunterricht machen, aber es geht um Entscheidungen, zu denen man sein Gewissen befragen muss", sagt Erfinder Erich Kundel, der Chef der "Karl-Marx"-Buchhandlung in der gleichnamigen Allee. Die Rede ist von einem neuen Brettspiel, das dieser Tage in den Handel kommt. Maximal sechs Spieler kämpfen als DDR-Bürger in den 50er Jahren in einer Mischung aus "Spiel des Wissens", "Monopoly" und "Mensch ärgere dich nicht" um die letzte freie Wohnung in der Allee.

Dabei müssen Wissensfragen zum Aufbau der Prachtstraße beantwortet, aber auch Alltagsentscheidungen getroffen werden. Beispiel: "In der Betriebskantine meckern die Kollegen über die Verhältnisse und machen sich über den Spitzbart Ulbricht lustig - gehen Sie zum Parteisekretär oder nicht?" Das Besondere an diesem Spiel: Es gibt keine eindeutigen Antworten, mal wird der Denunziant belohnt, mal der "Weghörer". "Das soll die Rechtsunsicherheit symbolisieren, die es auch in der DDR gab. Oft hing es von der Reaktion des jeweiligen Vorgesetzten ab, ob man sich richtig verhalten hatte oder nicht", sagt Historiker Kundel. Wie im richtigen Leben hat jeder Spieler die Wahl: Geht er als SED- oder Blockparteimitglied ins Rennen, ist der Weg zum Ziel scheinbar kürzer und weniger steinig als der für den Normalbürger. Allerdings wird er bei Fehlverhalten auch schärfer bestraft. Und wer sich für die Stasi-Mitarbeit entscheidet, verschafft sich erhebliche Spielvorteile, muss aber wichtige Sympathiepunkte einbüßen. Kundel: "Der Drang zu gewinnen ist ja in uns allen. Aber die Frage, die man sich bei diesem Spiel stellen kann, ist, ob man sich dafür moralisch diskreditieren will oder nicht."

Über zwei Jahre hat Kundel an seinem Spiel getüftelt. "Mir ging es vor allem darum, ein bisschen Wissen über die Stalinallee, die heutige Karl-Marx-Allee, zu vermitteln und ein wenig Respekt vor der Leistung, hier in kürzester Zeit diese Bauten aus der Trümmerlandschaft geschaffen zu haben." 5000 Wohnungen entstanden in den 50er Jahren im Rahmen des Nationalen Aufbauwerkes, sie wurden hauptsächlich von Arbeitern und "verdienten Kämpfern des Sozialismus" bezogen. Mit liebevoll gezeichneten Symbolen wie dem Berliner Aufbaubären bedient das Spiel wohl hauptsächlich die Erinnerungen derjenigen, die damals beteiligt waren. Oder wer wüsste sonst, dass insgesamt 38 Millionen Trümmersteine verbaut wurden? Aber Kundel wünscht sich auch Spieler aus jüngeren Generationen und anderen Teilen Deutschlands: "Ich will allen verständlich machen, dass manche Entscheidungen Mut erforderten, den aufzubringen nicht immer leicht war."Das Spiel kostet 39,95 Mark und ist in großen Berliner Buchhandlungen zu kaufen oder im Internet unter

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