Berlin : Dinner for One

Zeitreise durch Berlin (6): Mit einer kaiserlichen Karte wurde Mark Twain zum Abendessen mit Wilhelm II. beordert. Der Imperator plauderte leutselig, pries die Werke seines Tischnachbarn – bis dieser zu früh nach den Kartoffeln griff

Andreas Conrad„

Von Andreas Conrad

„ Tom!“ Keine Antwort. „Tom!“ Alles still. „Soll mich doch wundern, wo der Bengel wieder steckt! Tom!“ Die alte Dame schob ihre Brille hinunter und schaute darüber hinweg; dann schob sie sie auf die Stirn und schaute darunter weg. Selten oder nie schaute sie nach so einem kleinen Ding, wie ein Knabe ist, ,durch’ die Gläser dieser ihrer Staatsbrille…

Die gute alte Tante Polly. Sie war ihm recht ans Herz gewachsen. Schmunzelnd klappte Mark Twain seinen „Tom Sawyer“ zu und stellte ihn zurück in den Bücherschrank. Es war doch gut, dass er die Idee verworfen hatte, dem Kaiser ein signiertes Exemplar der Erstausgabe mitzubringen. Wer weiß, welche Regel der Etikette er damit wieder verletzt hätte. Und ein Fauxpas pro Abend, gerade gegenüber einem gekrönten Haupt wie Wilhelm II., war mehr als genug.

Ratlos strich Mark Twain sich über den buschigen, etwas traurig herabhängenden Schnurrbart, der sich mit den kühn emporgezwirbelten Spitzen der kaiserlichen Barttracht leider nicht messen konnte. Was war es bloß gewesen, das alles Gespräch so jäh ersterben ließ? Danach hatte der Kaiser nur noch zum Abschied das Wort an ihn gerichtet. Nun gut, Wilhelm hatte die Pensionen gelobt, die die amerikanische Regierung ihren Veteranen zukommen ließ, und er hatte erwidert, diese seien leider zu einem Mittel des Stimmenfangs verkommen. Er hätte wohl nicht unaufgefordert sprechen und schon gar nicht widersprechen dürfen. Oder lag es daran, dass er zu früh, vor Wilhelm, nach der Kartoffelschüssel gegriffen hatte?

Dennoch ein denkwürdiger Abend. Mark Twain blickte zum Kalender: 20. Februar 1892. Den Tag sollte er sich rot ankreuzen. Eine Einladung ins Berliner Schloss, zu einer Flaggenzeremonie, hatte er wegen seiner Lungenentzündung ausschlagen müssen. Doch dann war die zweite Einladung gekommen. Nun, wenn man es recht besah, war er mittels einer kaiserlichen Karte eher zu der Begegnung hinbeordert worden. Seine Kusine war mit General von Versen verheiratet, und Wilhelm hatte ihr die Gunst erwiesen, für ihn ein Abendessen ausrichten zu dürfen, mit Mark Twain als Ehrengast.

Aber vielleicht war sein Fehltritt gar nicht so übel, hatte er ihm doch einen tiefen Blick in das gesellschaftliche Leben erlaubt. Ein Dutzend hochrangiger Leute war gekommen, sogar Prinz Heinrich. Er selbst wurde mit dem Platz zur Rechten des Kaisers ausgezeichnet, der charmant, geistreich und in perfektem Englisch plauderte, dabei die Bücher seines Tischnachbarn pries, besonders „Leben auf dem Mississippi“. Es war nicht direkt ein Gespräch, mehr eine Rede Wilhelms, unterbrochen nur, wenn er das Wort an einen der Anwesenden richtete. Dieser rasselte dann knapp, ohne Anzeichen von Emotionen, seine Antwort herunter. Wie in den imperialen Tagen Roms war offenbar der Kaiser die Sonne, der Mittelpunkt der Welt, und sein Lächeln oder Stirnrunzeln bedeuteten Glück oder Verzweiflung.

Draußen ertönten plötzlich Rufe, eine Trillerpfeife gellte, das unverkennbare Schimpfen eines der allgegenwärtigen Schutzmänner. Mark Twain trat ans Fenster seines Hotelzimmers. Sogar Unter den Linden war es zu dieser Stunde fast menschenleer, nur in der Ferne sah er einen Fahrradfahrer um die Ecke sausen, während ein Gendarm gestikulierend zurückblieb. Wieder so eine Berliner Eigenart, die Mark Twain nicht verstand. Das Fahrradfahren auf den Straßen war zwar im Vorjahr erlaubt worden, nur Unter den Linden und auf der Friedrichstraße blieb es verboten. Ob da wieder der Kaiser die Finger im Spiel hatte? Der betrachtete den Boulevard fast als sein Privateigentum, bestand auf den gewohnten Reitwegen zu beiden Seiten der Mittelpromenade, obwohl Fahrbahnen und Gehsteige längst zu eng waren. Nur mit allerhöchster Erlaubnis dürfe etwas abgerissen oder gebaut werden, hatte er verfügt.

Eine faszinierende, doch seltsame Stadt, mit erstaunlichen Widersprüchen. Das hatte er gleich nach der Ankunft im Oktober 1891 bemerkt. Seine Frau und deren Schwester hatten eine möblierte Wohnung in der Körnerstraße 7, kurz vor dem Potsdamer Tor, gefunden, recht bequem und im Erdgeschoss, wichtig angesichts der hier offenbar noch unbekannten Fahrstühle. Nur aus der Haustür sollte man besser nicht treten. „Lumpensammlers Paradies“ hatte er die Straße genannt. Ständig lehnten nachlässig gekleidete Frauen tratschend aus den Fenstern, verdreckte Kinder lärmten unentwegt auf der Straße – kein Ort, um die Repräsentanten des geistigen und gesellschaftlichen Lebens der Stadt, mit denen er immer vertrauter wurde, angemessen zu empfangen. Immerhin, eine humoristische Fingerübung war dabei abgefallen, bevor er mit der Familie ins Hotel Royal gewechselt war: das fiktive Gespräch mit dem Makler, der die vielen „Zimmer frei“-Schilder in der Körnerstraße als Marotte der adligen Hausbesitzer zu erklären suchte, wie des Herzogs von Sassafras-Hagenstein oder des Herzogs von Backofenhofenschwartz.

Manche Seite hatte er über Berlin gefüllt, die Leser in Amerika waren unersättlich. Besonders mit seiner Beschreibung der Stadt als „Das deutsche Chicago“ war er zufrieden. Noch einmal kramte er das Manuskript für „The New York Sun“ hervor: „Der größte Teil des heutigen Berlins erinnert mit keiner Spur an eine frühere Zeit. Der Boden, auf dem es steht, besitzt seine Tradition und seine Geschichte, doch die Stadt selbst besitzt diese nicht. Es ist eine neue Stadt, die neueste, die ich je gesehen habe. Chicago nähme sich dagegen ehrwürdig aus, denn es gibt viele alt aussehende Bezirke in Chicago, in Berlin jedoch nicht viele. Die Hauptmasse der Stadt macht den Eindruck, als sei sie vorige Woche erbaut worden; der Rest wirkt eine kaum wahrnehmbare Schattierung gesetzter und sieht aus, als wäre er sechs oder vielleicht sogar acht Monate alt.“

Neulich hatte er die Annonce einer Architektur-Buchhandlung gesehen, die auf eigene Kosten alle zum Abbruch bestimmten Häuser, die historisch oder künstlerisch von Interesse seien, fotografieren lassen wollte. Das war wohl ratsam angesichts der Bauwut, die Berlin erfasst hatte. Andererseits bildete sich die Stadt einiges auf ihre Vergangenheit ein. Denkmäler schossen wie Pilze aus dem Boden, dazu kamen viele der Erinnerung geweihte Bauten wie die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche oder die Moltkebrücke. Und dann die Leidenschaft besonders des Adels, sich auf die Vorfahren zu berufen. Er und der US-Botschafter hatten sich bei solcher Gelegenheit den Scherz erlaubt, zwei Richter, die auf einem Bild über den anschließend geköpften englischen König Charles I. zu Gericht saßen, zu ihren Vorfahren zu erklären.

Andererseits taten sich alle ungeheuer wichtig wegen der Bedeutung, die Wissenschaft und Technik hier besäßen. Sie hatten ja auch Recht damit. Über 16 000 Fernsprecher gab es schon, auch hatte der Besitzer eines Textilhauses soeben die Zulassung des ersten Berliner Automobils, eines Benz-Dreiradmotorgefährts, beantragt, und einem gewissen Otto Lilienthal sollten nahe Groß-Lichterfelde erste Versuche mit einem Gleitflugapparat geglückt sein. Erstaunlich war sodann die Verehrung, die Männern des Geistes entgegengebracht wurde. Tagelang gingen die Feiern, mit denen der Physiker Hermann von Helmholtz und der Mediziner Rudolf Virchow zu ihren 70. Geburtstagen geehrt wurden – auf mitunter seltsame Weise. Er dachte noch mit Schaudern an die Feier, die 1000 Studenten ausgerichtet hatten. Mehr ein Bierfest, aber mit festgelegtem Ritual, mit markigen Gesängen, überall Säbeln, die sich wie auf Kommando hoben und senkten – kein Wunder, dass die meisten der geröteten Gesichter Blessuren aufwiesen. Jeder gab sich stramm militärisch, wie man überhaupt den Soldatenrock geradezu anzubeten schien.

Mark Twain ließ sich in den Lieblingssessel sinken, wie immer, wenn seine Phantasie sich entzündet hatte. Kleider machen Leute – daraus müsste sich was machen lassen, eine Satire auf Wilhelms Berlin. Würde eine Hauptmannsuniform nicht genügen, um eine Abteilung Soldaten eigenem Kommando zu unterstellen und ein Rathaus zu besetzen? Man könnte die Kasse beschlagnahmen, den Bürgermeister abführen lassen und verschwinden. Mark Twain fing zu lachen an. Nein, das gäbe es nicht mal in Berlin. Ohnehin sollte er so eine Idee lieber nicht ausspinnen. Ein Fauxpas pro Abend war wirklich genug.

0 Kommentare

Neuester Kommentar