Berlin : Dinner vorm Altar

Leute zusammenbringen und ein Gotteshaus retten: Ernst Voß lädt zum Essen in die Osterkirche

Heidemarie Mazuhn

Dinieren in der Kirche – wer Not hat, kann nicht wählerisch sein. Auch die Ostergemeinde muss sich nach der immer kürzer werdenden Decke strecken. Deshalb serviert sie ein Abendmahl der besonderen Art am kommenden Freitag: „Vier Gänge für die Osterkirche“ heißt das Benefizdinner, das helfen soll, das denkmalgeschützte Gotteshaus im Stil märkischer Backsteingotik zu erhalten.

Riesige Summen kommen dabei am 20. April nicht in die Kasse, wenn etwa 100 Gäste an festlich eingedeckten Tischen vorm Altar Platz nehmen, um ihre 15 Euro abzuessen, von denen jeweils zwei Euro ins Kirchensäckel sollen. „Darum geht es auch nicht allein“, sagt Ernst Voß, der Initiator der Dinnerparty. Leute an einen Tisch bringen will vielmehr der Gastwirt aus dem Sprengelkiez.

„Nachtschwärmer bei Ernst“ hat der Wahl-Berliner aus Rostock 1994 das Lokal gegenüber der Osterkirche in der Weddinger Sprengelstraße 15 genannt. „Ich bin die Kulturoase im Sprengelkiez“, verkündet Voß gern mit dröhnender Stimme sein Angebot zu Molle, Korn und Wein, den er aus Italien einfliegen lässt. Jeden Dienstag steht bei ihm eine Jazz-Session auf dem Programm, der Mittwoch gehört den Liedermachern und Lyrikern, und Donnerstag ist Bingo. Seit er sich im vorigen Jahr erstmals auf die kleine Bühne traute, die im „Nachtschwärmer“ jedem offen steht, nennt sich der Wirt selbst bühnensüchtig. Gedichte von Künstlern aus dem Kiez trägt er vor – „erst waren es ziemlich kranke, dann vulgäre, jetzt sind es Liebesgedichte, die kommen am besten an“.

Die Küche bleibt „bei Ernst“ da meist kalt – nur „bei guter Laune“ und zu bestimmten Anlässen zeigt der Kneiper, was er einst in Rostock als Koch lernte. Ab 1978 kochte er in Ost-Berlin und rührte sogar in diplomatischen Töpfen. Ein Jahr stand er in der Residenz des kubanischen Botschafters am Herd, danach bekochte er drei Jahre die amerikanische Botschafterfamilie. Bei seinem kubanischen Kücheneinsatz lernte der damals 21-Jährige, wie man Fell über die Ohren zu zieht – der Botschafter war leidenschaftlicher Jäger und brachte oft ein Wildschwein mit. Offiziell war Voss in seiner „Botschaftszeit“ beim sogenannten Dienstleistungsamt für ausländische Vertretungen in Lohn und Brot – für 680 Ostmark im Monat.

Das reichte dem jung Verheirateten und zweifachen Vater nicht lange – ab 1985 kellnerte er und machte seinen Gaststättenleiternachweis, wie das in der damaligen DDR schwerfällig hieß. „Sibirische Jagdhütte“ hieß das Pankower Speiselokal der gehobenen Preisstufe „S plus 10 Prozent“, mit dem Voß 1989 in die Wende ging. „Wie ich die bloß überlebt habe?“, wundert er sich heute. „Anderthalb Jahre keine Gäste.“ Alle seien in in den Westen gerannt. Das machte der Gastronom dann 1993 auch und eröffnete den „Nachtschwärmer bei Ernst“, wo auch die ersten Dinnerpartys stattfanden. Als die 40 Plätze nicht mehr reichten, hatte er die Idee mit der Osterkirche. Dort kommt am 20. April auf den Tisch, was sich die Gäste von ihm wünschten: Geflügelcocktail, Bouillon mit Eierstich, Herzragout, Prager Schinken und Rinderfilet. Dazu Beilagen wie Brokkoli mit Sauce Hollandaise, Rot- und Sauerkraut, nicht zu vergessen Kartoffeln und Soße und Bayrisch Creme als Dessert. Musikalisch wird dieses Abendmahl nicht nur mit Orgelmusik begleitet, sondern auch von einem Jazzpianisten und zwölf weiteren Musikern.

Arrangiert hat die musikalische Beilage zu den „Vier Gängen für die Osterkirche“ einer, der nebenan im Wohntrakt des Gotteshauses wohnt – der britische Wahl-Berliner Robert Bownes-Smith. Das ist aber schon eine andere Geschichte aus dem bunten Sprengelkiez.

Information zum Dinner in der Osterkirche am 20. April unter Telefon 454 33 65 (ab 14 Uhr) oder 417 298 06.

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