Berlin : Diplomat auf Spritztour: Wagen landete im Brunnen

Grieche fuhr am Ernst-Reuter-Platz ins Wasserbecken. Eine Strafverfolgung müssen Angehörige von Botschaften nicht fürchten

Jörn Hasselmann

Mit der Schnauze voran landete der dunkle Mercedes im Wasser. Sein Fahrer war in der Nacht zum Sonntag von der Straße des 17. Juni geradeaus direkt in den Brunnen auf dem Ernst-Reuter-Platz gefahren. Beim Rumpeln über den Bordstein riss die Ölwanne auf, das Motoröl lief ins Wasser. Der 54-jährige Grieche sagte laut Polizeibericht zu seiner Frau „Du bleibst da“ – und rannte davon. Kurz darauf kam die Polizei hinzu und leitete sofort die Fahndung nach dem flüchtigen Fahrer ein. Beamte stellten den Mann vor seiner Charlottenburger Wohnung. Angesichts der merkwürdigen Umstände legten sie dem Mann erst einmal Handfesseln an – nahmen sie aber mit einer Entschuldigung gleich wieder ab. Denn der Mann sagte: „Ich habe einen Diplomatenpass.“

Angehörige des diplomatischen Corps unterstehen nach dem Wiener Übereinkommen nicht der deutschen Gerichtsbarkeit – egal, ob es sich um einen Räuber oder Falschparker handelt. Der Grieche stimmte trotz Immunität freiwillig einem Alkoholtest zu, der ergab 0,0 Promille. Er gab an, dass sich der Airbag von selbst ausgelöst und ihm die Sicht versperrt habe. Wieso er nach dem Unfall fluchtartig den Unfallort verließ, sagte er nicht.

Seitdem so viele Botschaften und Konsulate in den vergangenen Jahren nach Berlin gezogen sind, sehen Polizisten den roten Diplomatenpass immer häufiger. Zuletzt am Samstagnachmittag. Da fuhr eine 61 Jahre alte Angehörige der Israelischen Botschaft auf der Kreuzung Bundesallee Ecke Hohenzollerndamm einen Fahrradfahrer an, der klassische Rechtsabbiegeunfall. Der 35-jährige Radler wurde schwer an Kopf und Wirbelsäule verletzt. Auch in diesem Fall gilt: Der Unfall wurde zwar von der Polizei aufgenommen, Konsequenzen hat er für die Fahrerin nicht. Wie viele Menschen in Berlin einen Diplomatenpass haben, konnte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes am Sonntag nicht genau sagen, etwa 7000 deutschlandweit hieß es. Von denen dürften aber die meisten mittlerweile in Berlin wohnen. Mehrere tausend Autos in Berlin haben ein Diplomatenkennzeichen – eine „0“ in Verbindung mit einer Ländernummer und dann einer fortlaufenden Zahl (die „1“ hat traditionell der Botschafter). Die beiden Unfallfahrzeuge trugen normale Nummernschilder und keine speziellen Diplomatenkennzeichen.

Nicht immer gehen Begegnungen zwischen Polizisten und Angehörigen der 130 Botschaften so glimpflich aus wie am Ernst-Reuter-Platz. Im September 2004 hatte der vermutlich angetrunkene bulgarische Botschafter bei einer Kontrolle einen Polizisten angefahren. Der Diplomat wurde wenig später „abgelöst“ – eine diplomatische Lösung.

Als Bonn noch Bundeshauptstadt war, wurde regelmäßig veröffentlicht, welche Botschaften wie viele Knöllchen kassierten; Senegal und Mexiko standen mehrfach an der Spitze. Diese Statistik wird in Berlin nicht mehr geführt – eine Begründung dafür gibt es nicht.

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