Dokumentarfilm über Kinder-Oper „Die Zwiefachen“ : Schauspielerinnen treffen KZ-Überlebende in Berlin

Im KZ Theresienstadt setzte Greta Klingsberg die Musik gegen den Tod. Sie tröstete, ließ sich trösten, überlebte. Nun spielen junge Schauspielerinnen die Szenen von damals neu – und treffen sich in Berlin wieder.

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Die junge Schauspielerin Ikra Latif traf die KZ-Überlebende Greta Klingsberg zum Erzählen in Theresienstadt. Inzwischen sind sie befreundet.
Die junge Schauspielerin Ikra Latif traf die KZ-Überlebende Greta Klingsberg zum Erzählen in Theresienstadt. Inzwischen sind sie...Foto: promo

Greta Klingsberg ist aufgeregt, will es aber nicht zeigen. „Immer kommen die Kinder zu spät. Ein Zeitempfinden wie im Orient.“ Sie kennt den „Orient“; seit knapp 70 Jahren lebt sie in Jerusalem – seit die Rote Armee sie und viele andere aus dem KZ Theresienstadt befreit hat. Jetzt steht sie in der Lobby des Wyndham-Hotels in Berlin am Zoo und wartet auf zwei junge Frauen, beide 20 Jahre alt – die „Kinder“.

Ihre 85 Jahre sieht man ihr nicht an, sie ist quirlig, erforscht das Interieur. Sie ist etwas überfordert in diesem Moment: Fernsehkameras sind auf sie gerichtet, jeden Moment sollen Annika und Ikra, die beiden Verspäteten, hier ankommen. „Dieses Klimbim um meine Person ist mir contre coeur“, sagt sie und hält ihre Hände an eine Design-Feuerstelle, „wärmt ja nicht mal“. Die Türen schieben sich auf, zwei winterlich eingepackte Gestalten schauen sich um, erkennen Greta, laufen auf sie zu und umarmen sie – minutenlang.

„Dieses Klimbim um meine Person ist mir contre coeur“

Seit eineinhalb Jahren haben sie sich nicht gesehen. Sie – das sind Greta, die vor 70 Jahren im Ghetto Theresienstadt die Hauptrolle der Kinderoper „Brundibár“ spielte, und die Freundinnen Annika und Ikra, die die Hauptrollen in der Re-Inszenierung des Stücks an der Schaubühne spielten. Der Anlass: Premiere des Dokumentarfilms „Wiedersehen mit Brundibár“.

Im Film zeigt Regisseur Douglas Wolfsperger, wie die jungen Schauspieler der Theatergruppe „Die Zwiefachen“ das Stück inszenieren, wie sie Greta Klingsberg zu den Proben einluden, wie sie zusammen nach Theresienstadt fuhren – wie sich eine Freundschaft entwickelte. „Du hast ja wenigstens mit ihr geskypt“, sagt Annika zu Ikra, „bei mir funktioniert das mit der Webcam einfach nicht.“ Greta hält die Hände der beiden. „Aus den Kindern sind junge Frauen geworden“, sagt sie.

Eine untypische Freundschaft. „Die Zwiefachen“ sind eine Theatergruppe bestehend aus jungen Menschen, die aus schwierigen Verhältnissen kommen, Probleme mit Drogen hatten. Greta Klingsberg findet deutlichere Worte: „Die Kinder haben Probleme. Wer hat keine? Aber die haben eben noch mehr Probleme.“

Viele der „Zwiefachen“ haben Migrationshintergrund; Ikras Eltern etwa kommen aus Pakistan. Sie selbst ist hier zu Schule gegangen, fühlt sich als Deutsche. „Deshalb gibt es da eine kulturelle Kluft zwischen Eltern und Kindern. Einige schaffen es, sie mit Liebe zu überwinden. Andere eben nicht“, sagt Greta Klingsberg. Ikra und Annika nicken.

Ein bisschen Kindheit an einem Ort, wo für Kindsein kein Platz ist

Greta spricht gerne und viel. Oft führt sie mit Schulklassen die Kinder-Oper auf. Zuletzt in Makedonien – auf Griechisch. „Hab’ kein Wort verstanden. Ist aber nicht so wichtig; den Inhalt kenn’ ich ja.“ Sie hatte damals die Rolle der Aninka, ein armes Mädchen, das Geld mit Musik auf dem Markplatz verdienen will – wäre da nicht der bösartige Leierkastenmann Brundibár. Er versucht sie zu bestehlen, vom Platz zu scheuchen. Erst als alle Kinder sich mit streunenden Tieren zusammenschließen, können sie Brundibár das Handwerk legen. „Brundibár poražen“, singt Greta im Frühstückssaal des Wyndham-Hotels. „Brundibár ist besiegt“. Über 50 Mal hat sie die Annika in Theresienstadt gespielt, Tschechisch kann sie noch immer. Ein bisschen Kindheit an einem Ort, wo für Kindsein kein Platz ist.

„Jedes Kind hatte vielleicht eineinhalb Quadratmeter für sich“, sagt Greta Klingsberg, „ab und zu wurde gesungen.“ 25 bis 30 Kinder pro Zimmer, „immer wieder sind welche gestorben.“ Das Theater war der einzige Ort, an dem das alles vergessen werden konnte. „Man ist so versunken, auf der Bühne, im Gesang – der Hunger ist weg, der Schmutz ist weg, die Angst …“ Greta denkt nach, Falten bilden sich über der Nase, die sich sofort wieder lösen: „Das waren die Minuten der intakten Kindheit“, sagt sie und lacht leise.

„Zweimal die Woche Pilates – das muss sein“

Sie erzählt von unvorstellbarem Leid – en passant – zwischen Anekdoten aus der Gartenarbeit („Ich habe davon Hände wie eine Bauersfrau“), der Wichtigkeit von Gymnastik („zweimal die Woche Pilates – das muss sein“) und dem Stellenwert, den Freundschaft im Leben jedes Menschen haben sollte (den höchsten). Ihr Lachen ist jugendlicher als das der beiden jungen Schauspielerinnen, die zuhören, wenn Greta Klingsberg spricht und sich von ihr unterbrechen lassen.

Sie erzählt von ihrem Weg: Geboren in Wien, dann Flucht mit Schwester und Eltern in die Tschechoslowakei, Brünn. Da war sie acht, ihre Schwester sieben. Es gab nur noch Nottransporte nach Palästina, für Kinder zu gefährlich, also ließen die Eltern die beiden Mädchen zurück – mit dem Plan im nächsten regulären Transport nachzukommen. „Sie hatten keine Wahl“, sagt Greta. Unverständnis bei Annika: „Natürlich hatten sie eine Wahl!“ Greta Klingsberg erwidert laut, resolut: „Nein, hatten sie nicht! Du weißt nicht, was ein Krieg ist.“ Eindringlich sieht sie Annika an, „Es gab keine Wahl. Kinder durften nicht mit. Wir sollten mit einem normalen Transport nachkommen.“ Wieder denkt sie nach, die Anspannung löst sich aus Mimik und Stimme: „Es kam aber anders; die Geschichte kam anders.“

Von Theresienstadt nach Auschwitz

Ihren Eltern habe sie nie einen Vorwurf gemacht, mit ihnen nie über die Zeit gesprochen. „Wie hätte ich meinem Vater sagen können, dass seine Mutter an Hunger gestorben ist?“ Oder hätte sie von ihrer eigenen Schwester erzählen können, die gemeinsam mit ihr von Theresienstadt nach Auschwitz transportiert wurde, gemeinsam in der Schlange vor der Selektion stand – „du, nach links; du, nach rechts“. Greta Klingsberg lebt noch. Ihre Schwester sah sie da das letzte Mal.

„Ich hoffe, ich beschwere niemanden mit meinen Geschichten“, sagt die jung gebliebene Alte. Sie wolle nur erzählen, was sie erlebt hat, es anschaulich machen. „Das Thema Holocaust hat mich natürlich interessiert, aber durch das Theaterstück habe ich erst richtig Zugang dazu gefunden“, sagt Ikra. „Eine Kinder-Oper im KZ – das ist doch surreal!“

Draußen wartet der Regisseur: Das Fernsehteam will Ikra und Annika interviewen. Ihr Leben hat sich verändert seit dem Film. „Ich dachte nicht, dass das so ein großes Ding wird“, sagt Annika. Der Film läuft bald im Kino, auch auf Filmfestivals waren sie angemeldet. Anstrengend sei das, sagen die beiden. Greta Klingsberg stimmt zu: „Ich will hier noch so viele Freunde sehen. Dauernd Termine, Termine. Sagt denn hier jeder Termine? Früher hieß das noch Verabredung.“ Sie lacht ihr kindliches Stakkato, schüttelt den Kopf. „Ach, der ganze Klimbam ist ja eigentlich nichts für mich.“

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