Doppelgänger : Berühmt für eine Weile

Nach dem Überkleben der Wahlplakate ebbt der Trubel um das Berliner Klinsmann-Double Daniel Kind ab. Der Alltag holt den Studenten wieder ein, Kind steht wieder als Barchef im "Wahlkreis".

Berlin - Jeder Mensch wird in seinem Leben einmal berühmt sein. Für 15 Minuten. An den Ausspruch des amerikanischen Künstlers Andy Warhol mag der Berliner Student Daniel Kind in den vergangenen Wochen des öfteren gedacht haben. Denn der Wahlkampf der Berliner SPD für die Wahl zum Abgeordnetenhaus am 17. September beförderte den 26-Jährigen aus der Anonymität unerwartet ins Rampenlicht. Sogar etwas länger als die berühmte Viertelstunde.

Auf 250 bis 300 Großplakaten zur Bildungspolitik strahlte er dermaßen überzeugend, dass alle Welt staunte: "Der sieht ja aus wie Jürgen Klinsmann". Ein Doppelgänger des Ex-Fußball-Bundestrainers wirbt für die Sozialdemokraten: Berlin hatte seine Wahlkampf-Story. Doch mit dem Überkleben der Plakate wird auch das Interesse der Öffentlichkeit an Kind sinken. Denn als Klinsmann-Doppelgänger taugt er eigentlich überhaupt nicht.

Keine Ähnlichkeit mit Klinsmann

Seine Geschichte ist deshalb so kurios, weil Kind - wenn er sich nicht gerade auf den Plakaten entspannt zurücklehnt - überhaupt nicht wie Deutschlands WM-Held aussieht. Niemand dreht sich um, als der Student der Verwaltungswirtschaft das Restaurant am Hackeschen Markt in Berlin-Mitte betritt, niemand will ein Autogramm. Er habe "keine Ähnlichkeit" mit dem berühmten früheren Fußballer und Trainer, weiß der gebürtige Berliner selbst.

Kind führt die vorübergehende Aufregung um seine Person auf einen Zufall beim Fotoshooting zurück, auf einen zufälligen Aufnahmewinkel. Er war zusammen mit seiner Freundin ausgewählt worden, denn die SPD suchte Pärchen für die Plakate. Die Aufnahmen wurden am 12. Juni am Mauerpark gemacht. In Deutschland war die Fußball-Weltmeisterschaft gerade angelaufen, bei den Fans stieg langsam das Fieber, und einer ihrer wichtigsten Hoffnungsträger hieß Klinsmann.

Kind als Barchef im "Wahlkreis"

Die Aufnahmen zogen sich über fünf Stunden hin. Am Anfang sei die Atmosphäre "hingeschummelt" und er noch gehemmt gewesen, erzählt Kind. Der Fotograf habe ihn deshalb öfter "in Pose" bringen müssen. Doch er sei im Verlauf der Aktion lockerer und entspannter geworden. In einem solchen Moment müsse das Foto, das später die Großplakate zierte, geschossen worden sein.

Kind, im Nebenjob Barchef in der Kneipe "Wahlkreis", hakte nach den Fotoaufnahmen seinen Blitz-Auftritt als Model schnell wieder ab und ging zur Tagesordnung über. Auf dem betreffenden Bild im Kleinformat fand er sich "gezwungen guckend". Zudem: "Ich grinste ganz schön breit, so wie sonst nicht". Nie im Leben hätte Kind zu diesem Zeitpunkt damit gerechnet, wegen des Bildes als Klinsmann-Double bekannt zu werden.

Ein Anruf bei der Werbeagentur änderte dies jedoch schlagartig. Dort sagte man ihm, im Büro heiße er nur noch "Klinsmann". Bei der Enthüllung des Plakats rief ein SPD-Genosse: "Wo habt ihr denn den Klinsmann her?" Eine Berliner Zeitung griff das Thema auf. Dazu kamen die Nachwehen der WM- und Klinsmann-Euphorie - und fertig war der Rummel. Bekannte nannten Kind "Jürgen", er telefonierte stundenlang. Der Karlshorster erinnert sich: "Ich bin mit ein bisschen geschwollener Brust herumgelaufen". Dabei beschränkt sich die Ähnlichkeit nach seiner Ansicht selbst auf dem Großplakat nur auf das Lächeln und die zugekniffenen Augen.

Kind fühlt sich Klinsmann zumindest im Geiste ein wenig nah. So seien beide positiv denkende Menschen, die andere motivieren könnten. Wie Klinsmann in seiner aktiven Zeit als Fußballer stürmt Kind in der Mannschaft "Mauritius", die in der Bistumsliga spielt, am liebsten. Der 26-Jährige sagt auch: "Klinsmann ist für mich ein Vorbild, von dem ich mir viele positive Eigenschaften abgucken kann."

Inzwischen sind die Plakate mit Daniel Kind überklebt mit Motiven des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD). Dieser ist tatsächlich seit langem sehr bekannt. Kind machte in der Zeit als vermeintliches Klinsmann-Double immerhin eine "spannende Erfahrung". (tso/ddp)

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben