Berlin : Dorothea Gräßer (Geb. 1906)

Kuba war toll: wie Sachsen, grün und hügelig.

Anne Jelena Schulte

Zwei Herzen schlugen in Dorothea Gräßers Brust: Das einer Prinzessin und das einer grundsoliden Arbeiterin. Da die beiden nie gegeneinander arbeiteten, war sie ein zufriedener Mensch.

Die Prinzessin schwärmte gern von ihrer Kindheit. Ihr Vater war der Direktor einer Handschuhfabrik, Glacéhandschuhe, wie sie an dieser Stelle korrigiert hätte, und gehörte zur Oberschicht des Landes Sachsen. „Ach, ihr hättet dieses prächtige Tigerfell in unserem Salon sehen sollen“, seufzte sie, wenn sie als ältere Frau Besuch von den Nichten und Großnichten bekam, „und die rotpolierten Mahagonimöbel mit den altrosa Damastbezügen! Zur Schule gefahren wurde ich in einer Kutsche, der eine weiße Eselin vorgespannt war!“ Ihren Vater schilderte sie als gottähnlichen Regenten dieses Märchenlandes. Dann holte sie eine Fotografie von 1900 hervor, die ihn als jungen Mann zeigt, der vor einem rassigen Hengst posiert, den Degen elegant im Anschlag.

„All cancelled“, lautete der Inhalt des Telegramms, das den Untergang ihres Konstantinopels einläutete. Absender war ein Kaufhaus aus Chicago, Hauptabnehmer der Handschuhe, das mit dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg alle Handelsbeziehungen zu Deutschland beendete. Und Prinzessin Dorothea verwandelte sich in ein bodenständiges junges Mädchen, das sich nach dem frühen Tod der Mutter um ihre beiden jüngeren Brüder kümmerte und bald als Sekretärin Geld verdiente.

Nichts gehe über die Unabhängigkeit der Frau, predigte sie Zeit ihres Lebens allen jungen Mädchen. Eine schöne Zeit sei das gewesen, weg von zu Hause, eigenes Geld. Allerdings, ergänzte die Prinzessin, die munter in ihr fortlebte, müsse man es eine Zumutung nennen, dass eine geborene Gräßer überhaupt arbeiten ging. Ihr Jungfrauendasein erklärte sie damit, dass mit dem Zusammenbruch der Fabrik eine standesgemäße Hochzeit unmöglich geworden sei.

Mit 30 Jahren kehrte sie nach Hause zurück, um sich ganz um ihren Vater, den König, kümmern zu können, der einen schweren Unfall erlitten hatte. Weil während des Zweiten Weltkriegs das Haus in Zwickau zerbombt worden war, zogen Vater und Tochter in ihr einsam gelegenes Landhaus in Weißenborn. Zwei Jahrzehnte hat Dorothea so verbracht: Den Vater, das Haus, das große Grundstück pflegend und nebenher als Sekretärin Geld verdienend. Beschwert hat sie sich darüber nie.

Auch, als ihr Bruder sie 1967 nach West-Berlin holte, suchte sie sich sofort wieder eine Anstellung. Nicht, weil sie das Geld brauchte, sondern weil sie das Tippen und Korrigieren so liebte, eröffnete sie nach ihrer Pensionierung ein Schreibbüro, lief durch die Gänge der Universitäten und bot an, Diplomarbeiten abzuschreiben.

Ihre größte Leidenschaft aber wurde die Familienforschung. Was sich da nicht alles auftat! Einen Zweig in Schottland entdeckte sie, gebildete Menschen, einer von ihnen arbeitete gar für die Nato! Bei solchen Entdeckungen jubelte die Prinzessin in ihr, und sie bot ihren nächsten Verwandten an, sie aus der mittelschichtigen Mittelmäßigkeit zu befreien und ihnen Titel wie „Baron“, „Graf“, oder „Konsul“ zu kaufen.

Die andere Dorothea wiederum scherte sich nicht um dieses Klassendenken und wählte, so jedenfalls gingen die Gerüchte, kommunistische Splitterparteien. Über die DDR verlor sie kein schlechtes Wort, im Gegenteil, in bester Erinnerung hatte sie etwa ihre Reise mit der „MS Völkerfreundschaft“ nach Kuba. Kuba war toll, es sah nämlich aus wie Sachsen, grün und hügelig... – Und die Palmen? – Immer diese Fragen der Spätgeborenen. Sie meinte das eher gesamtatmosphärisch, da kam es auf ein paar Palmen nicht an.

Als sie mit über 80 Jahren eine Rucksackreise nach Mainz gewann, schwang sie sich einen Tramper-Rucksack auf das alte Kreuz. Die edle Herkunft schloss ein wenig Amüsement und Leibesertüchtigung schließlich nicht aus.

Zu ihrem hundertsten Geburtstag organisierte sie eine große Familienzusammenführung. Alle kamen, Klaus Wowereit und andere Würdenträger gratulierten, Dorothea Gräßer war überglücklich. Nach dem Fest setzte sie sich an ihre Schreibmaschine und verfasste Danksagungen an alle Gratulanten. Als die letzte getippt war, wurde sie krank. Nicht weiter dramatisch, meinten die Ärzte, man hätte sie wieder kurieren können. Aber Tante Thea sagte zu ihren Verwandten: „Vielen Dank, ich habe immer sehr gerne Anteil genommen an eurem Leben.“ Dann hörte sie auf zu essen und zu trinken. Anne Jelena Schulte

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