Berlin : Drunter und drüber

Der Architekt Karl Johaentges ist Berlin mit der Kamera aufs Dach gestiegen. Sein Bildband zeigt das Gesicht der Stadt aus den oberen Etagen

Lothar Heinke

Wenn er sein Bilderbuch aufschlägt, stockt einem für einen Moment der Atem. Foto an Foto, eins schöner als das andere. Und immer wieder Berlin. Blicke auf die Stadt, aber auch unter ihre Haut. Darauf hat sich Karl Johaentges spezialisiert: Berlin, seine Dächer und was die Stadt darunter trägt.

Der Architekt und Fotograf hat sich die Frage „Was passiert unter den Dächern einer großen Stadt?“ schon einmal beantwortet. In Paris. Daraus wurde nicht nur eine 16-Seiten-Bildreportage im „Stern“, sondern auch der Bildband „Unter Pariser Dächern“. Nun ist die so ganz anders geartete deutsche Hauptstadt das Objekt der Begierde eines Fotografen, dessen Reporterblick auf die Dinge längst künstlerische Dimensionen erreicht hat. „In Berlin will ich keine Dachtypologie abliefern, vielmehr ist es eine Spurensuche und der Versuch, das Wesen dieser so zerstörten und lange geteilten Stadt zu ergründen“, sagt der 59-Jährige. „Denn Dächer sind nicht nur die schützende Haut unserer Wohn- und Arbeitswelt, sie sind auch die augenscheinlichste Visitenkarte einer Stadt und geben ihr mit ihren Glätten und Falten ein Gesicht.“ Der weit gereiste Reporter lichtet mit der Kamera „einen Spannungsbogen von Regierungsdächern bis zu Dachwohnungen in Kreuzberg, verlassenen Fabrikhallen, Künstlerateliers und Kirchenkuppeln“ ab.

Er tut das mit großer Erfahrung. 1981, nach fünf Arbeitsjahren als Architekt, war der damals 33-Jährige zu einer Weltreise aufgebrochen und brachte im eigenen Verlag sein erstes Buch dazu heraus. Dann veröffentlichte er mit seiner australischen Frau Jackie Blackwood eine Reisebildbandreihe. Der Quereinsteiger fotografierte bislang 25 Bildbände, zuletzt „Mythos Shanghai“ und „Chinas Heilige Berge“. 1990 hatte er mit weiteren Kollegen die Bildagentur Look in München gegründet.

Am Beispiel seiner Pariser Dächerbilder erläutert Johaentges begeistert diesen Job, bei dem er Unbekanntes und für viele Unsichtbares sichtbar macht: „Wer schafft es schon in die Kuppel des Invalidendoms, in den mich die Pariser Feuerwehr gehievt hat? Ich komme in Paläste und Luxusherbergen genauso wie ins Obdachlosenasyl.“ Die historischen Dächer von Paris seien zwar unschlagbar, aber Berlin reizt durch sein Ganz-anders-Sein: Noch immer sieht man der Stadt an, dass sie sehr zerfasert ist, weil sie so stark zerstört war. Da steht Alt neben Neu. Und: „Hier braucht man etwas länger als in Paris, bis einem einer den Dachbodenschlüssel gibt.“

Der Meister einer glücklichen Ehe zwischen Architektur und Fotografie hat bislang die unterschiedlichsten Motive für seinen Berlin-Band gefunden, der spätestens im Frühjahr 2008 erscheinen soll: Ein Fitnessstudio über der Kantstraße ebenso wie ein Dachboden voller Trockenwäsche in Kreuzberg, das wohl am schönsten gelegene Arbeitszimmer der Stadt – die Büros der Stiftung Denkmalschutz im Turmhaus am Frankfurter Tor – und der Knast von Moabit. Und da man nie genug schöne Bilder zur Auswahl haben kann, sucht Karl Johaentges weiter und fragt auch Tagesspiegel-Leser nach Tipps für „tolle Dachgärten, alte Wohnhausdächer, Böden, neue Loft-Wohnungen, spektakuläre Aus- und schöne Einblicke“. Bitte melden.

Wer sein Dach und das Darunter für lohnenswert hält, ins farbige Bild gesetzt zu werden, kann sich melden unter Tel. 0511-45 62 00 oder mail@kajofoto.de.

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