Berlin : Durchsuchung im Mehringhof - Über Video wurde der Kronzeuge zugeschaltet

Holger Stark

Selten verlief eine Durchsuchung in einem Terrorismus-Verfahren so ruhig wie dieses Mal. Gestern kurz nach 10 Uhr war die Bundesanwaltschaft beim Anwalt des Mehringhofs vorstellig geworden, um das linke Kulturzentrum in Kreuzberg erneut nach Sprengstoff zu durchsuchen. Die Geschäftsführung des Mehringhofs und der ermittelnde Bundesanwalt Rainer Griesbaum einigten sich schließlich, eine Hand voll Beamte des Bundeskriminalamts (BKA) ohne größere Komplikationen an die Arbeit zu lassen. Bei der ersten Durchsuchung im Dezember hatten die Ermittler noch mit 1 000 Beamten, darunter der GSG 9, den Mehringhof gestürmt und Schäden in Höhe von 100 000 Mark angerichtet. Wie schon bei der ersten Razzia suchte die Bundesanwaltschaft auch gestern nach Sprengstoff, den die linksradikalen "Revolutionären Zellen" (RZ) benutzt haben sollen.

Hintergrund des Verfahrens sind die Aussagen eines ehemaligen Anhängers der linken Szene, der nach eigenen Angaben in den 80er Jahren Mitglied der "Revolutionären Zellen" war. Der 40-jährige Tarek Mousli hatte bei seiner Festnahme im November vergangenen Jahres ausgesagt, weitere angebliche Mitglieder der RZ hätten ein Depot mit Waffen und Sprengstoff im Mehringhof unterhalten. Mousli gilt mittlerweile als Kronzeuge der Bundesanwaltschaft. Die groß angelegte Durchsuchung des linken Projekts im Dezember war allerdings ergebnislos verlaufen. Zurzeit sitzen neben Mousli noch sechs weitere Personen in Haft, die verdächtigt werden, an RZ-Anschlägen beteiligt gewesen zu sein.

Bei der gestrigen Suche probierte die Bundesanwaltschaft ein Novum: Erstmals waren die ermittelnden Beamten im Mehringhof per ISDN live mit dem Kronzeugen verbunden. Auf einem Monitor in einem Transporter konnten die Polizisten Mousli sehen, der, in einen schwarzen Pullover gekleidet und neben einem Polizisten sitzend, die Beamten dirigierte. Eine digitale Kamera lieferte ihm die Bilder aus dem Mehringhof; über Handy gab er seine Anweisungen: "Weiter ... mehr nach rechts ... stopp." Sprengstoffexperten untersuchten einen Fahrstuhlschacht gegenüber der Szene-Kneipe "EX" sowie zwei angrenzende Lagerräume. Drei in weiße und blaue Plastikoveralls gekleidete Spezialisten nahmen Bodenspuren, flexten eine Luke auf und nahmen einen Müllsack sowie einen Staubsaugerbeutel mit. Waffen oder Sprengstoff fanden die Fahnder auch diesmal nicht; allerdings erhofft sich die Bundesanwaltschaft aus der Laboruntersuchung Rückschlüsse darauf, ob im Mehringhof eventuell früher Explosivmittel gelagert worden sein könnten. Die Durchsuchung endete gegen 12.45 Uhr.

Erst vor einigen Tagen hatte die Polizei in Kanada einen ausgewanderten Berliner festgenommen, der ebenfalls RZ-Mitglied gewesen sein soll. Vor rund vier Wochen ließ die Bundesanwaltschaft zudem den 51-jährigen Matthias B. verhaften, der von Mousli beschuldigt wird, ebenfalls an RZ-Anschlägen beteiligt gewesen zu sein. B. ist ein hochrangiger Angestellter der Technischen Universität; er leitet das Akademische Auslandsamt der TU und saß im Kuratorium der Uni. Er befindet sich seit seiner Verhaftung in Untersuchungshaft. Bereits Ende vergangenen Jahres hatte die Polizei Axel H., Harald G., Sabine E. und Rudolf S. inhaftiert.

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