Dutschke-Bürgerentscheid : Marsch durch die Institutionen erfolgreich

Eine Mehrheit von knapp 60 Prozent hat sich in Friedrichshain-Kreuzberg für eine Rudi-Dutschke-Straße entschieden. Die Kosten des Bürgerentscheids: 200.000 Euro.

Berlin - Der späte "Marsch durch die Institutionen" war am Ende erfolgreich: Die Rudi-Dutschke-Straße wird in Berlin einen Teil der Kochstraße ersetzen. Der Straßenkampf der besonderen Art hatte etwa an Weihnachten 2004 begonnen. Die Tageszeitung "taz" brachte damals aus Anlass des 25. Todestages von Rudi Dutschke die Idee einer Straßenumbenennung ins Spiel. Im August 2005 stimmte anschließend die Bezirksversammlung Friedrichshain-Kreuzberg dem von PDS und Grünen eingebrachten Antrag für die Rudi-Dutschke-Straße zugestimmt.

Am Sonntag verlor die CDU nach monatelangem offenem und zum Teil harten Streit ihren Bürgerentscheid gegen die Umbenennung. Im Grunde hatte sie nur die Mehrheit der Bürger im direkten Einzugsgebiet der betroffenen Straße hinter sich. Dort stimmten mehr als 75 Prozent gegen die Dutschke-Straße.

Konflikt kostete 200.000 Euro

57,1 Prozent der rund 30.700 Teilnehmer an der Wahl wandten sich jedoch insgesamt gegen die Kritik der CDU und bestätigten damit am Sonntag im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg eine bereits 2005 beschlossene Umbenennung eines Teilstücks der Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße. Der Konflikt hat neben den üblichen politischen Entfremdungen rund 200.000 Euro gekostet, die der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg für den Bürgerentscheid berappen musste.

Mehr als 180.000 Bürger waren aufgerufen worden, über den Straßennamen abzustimmen. Im Stadtbild schafft das Ergebnis allerding noch keine Fakten: Anlieger haben unabhängig vom Bürgerentscheid bereits Klagen gegen die Dutschke-Straße eingereicht. Solange diese anhängig seien, würden auch keine neuen Straßenschilder aufgehängt, sagte Bezirkswahlleiter Heinrich Baasen.

Dutschke-Sohn sieht Umbenennung als Versöhnungsgeste

Es ist eine historische Pointe, dass sich in Zukunft die Axel-Springer-Straße und die Rudi-Dutschke-Straße an einer Kreuzung treffen werden. Das an der Kreuzung stehende Hochhaus des Springer-Verlages, wo sich unter anderem die Redaktion der "Bild-Zeitung" befindet, wird nun teilweise in der Dutschke-Straße liegen. "Es kann doch keine schönere Versöhnungsgeste geben, der frühere Kampf wird so symbolisch überwunden", meint Marek Dutschke, jüngster Sohn des Studentenführers.

Rückblick 1968: Rudi Dutscke marschiert in einem gestreiften Wollpulli, bei Kommilitonen untergehakt, an der Spitze eines Demonstrationszuges. "Ho-Ho-Ho-Chi-Minh" schallt es durch Berlins Straßen und "Amis raus aus Vietnam". Auch Springers "Bild-Zeitung" wird scharf attackiert. Die Studenten empfinden deren Berichterstattung als Hetze. Zeitzeuge Hans-Christian Ströbele (Grüne) sagte am Sonntag bei der live übertragenen Stimmenauszählung im Kreuzberger Rathaus: "Der Springer-Verlag hat derart gegen Dutschke gehetzt, dass schließlich im April 1968 auf Dutschke geschossen wurde und er an den Spätfolgen 1979 gestorben ist."

Dutschke starb am Heiligen Abend 1979 im dänischen Aarhus. Mehr als elf Jahre zuvor war er in Berlin auf offener Straße von dem 23-jährigen Arbeiter Josef Erwin Bachmann niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt worden. (tso/dpa)

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