Eberhard Diepgen : "Wir sind ständig erpresst worden"

Eberhard Diepgen zu Gast beim Tagesspiegel:  Heiter und detailfreudig durch drei Jahrzehnte Stadtpolitik.

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Gut gelaunt. Eberhard Diepgen plauderte beim Besuch im Tagesspiegel munter über die Hauptstadtwerdung, die Kompromissentscheidung für den Fughafenstandort Schönefeld und das Potenzial der Stadt.
Gut gelaunt. Eberhard Diepgen plauderte beim Besuch im Tagesspiegel munter über die Hauptstadtwerdung, die Kompromissentscheidung...Foto: Thilo Rückeis

Es deutet alles darauf hin, dass „ehemaliger Regierender Bürgermeister“ zu den erstrebenswertesten Berufen gehört. Alle, die es gibt, sind gut gelaunt, locker und treffsicher in ihrem Urteil; Eberhard Diepgen, der letzte, der sich unseren Lesern anlässlich der bevorstehenden Berliner Wahl stellte, macht darin keine Ausnahme. Er ist im Grunde so, wie er immer war, detailversessen, informiert, gedächtnisstark – aber heute vermittelt er dazu den Eindruck, dass ihm das alles auch noch Spaß macht. Können täte er noch, aber wollen mag er nicht mehr müssen.

Im November wird Diepgen 70, das merkt man absolut nicht. Gerade ist er zehn Jahre weg vom politischen Fenster, das merkt man eher, denn er argumentiert offener, fühlt sich nicht mehr an Partei- und Staatsräson gebunden. Die intensiv ausgekosteten Pausen vor der Antwort gibt es immer noch, aber sie sind, wie es scheint, eher ein Stilmittel als notwendig fürs Denken, denn die Antworten auf alle nur denkbaren Fragen stehen abrufbereit für das Gespräch mit den Tagesspiegel-Herausgebern Gerd Appenzeller und Hermann Rudolph.

Heiter erinnert sich Diepgen an den Aufgalopp, als er vom Macher in Weizsäckers Hintergrund zum Gegenkandidaten Hanna-Renate Lauriens aufstieg, „aufgestellt gegen die Voten nahezu aller Berliner Chefredakteure“, wie er nicht ohne Süffisanz anmerkt. Seine Amtszeit bis zur Wende schildert er als „Phase der Besinnung auf die eigene Kraft Berlins“, als den Versuch, aus der Insel eine Halbinsel zu machen: durch Stärkung der Verbindungen ins Bundesgebiet und Bereinigung des alliierten Status auf das absolut Notwendige. Die Stromtrasse nach Westen, der Charlottenburger Gasspeicher, die 750-Jahr-Feier und aussichtsreiche Verhandlungen über neue Transitwege waren das Ergebnis.

Als die Mauer fiel, war Walter Momper im Amt, eine Ironie der Wahlgeschichte. Ja, sagt Diepgen, das habe ihm weh getan, aber nur gut zwei Tage lang. Denn danach sei auch aus der Opposition heraus so viel aufzubauen gewesen, dass er den Schmerz nicht mehr gespürt habe: Es habe den Kampf um den richtigen Weg der CDU gegeben und den Kampf um den Aufbau überhaupt, „es wäre besser gewesen, wenn CDU und SPD sich besser zugearbeitet hätten“.

Knapp zwei Jahre später war er zurück an der Macht – und vor allem damit beschäftigt, Berlin als Hauptstadt gegen die mächtigen Bonner Interessen durchzusetzen: „Wir sind damals ständig erpresst worden“, sagt er über die Mehrheit im Bundestag. „Nach dem Hauptstadtbeschluss und den Streichungen der Bundesmittel“, so erinnert er sich, „haben wir uns entschlossen, nicht zu jammern, sondern einen Erfolg draus zu machen und auf den Rutschbahneffekt zu setzen“.

Den berühmten „Konsensbeschluss“ für einen neuen Flughafen Schönefeld kann er im Detail erläutern und auch heute als Ergebnis einer langen Reihe von politischen Kompromissen plausibel erscheinen lassen. Und über seinen Erfolg als oberster Bauherr des neuen Berlin sagt er: „20 bis 30 Prozent sind Mist, aber das ist eine ganz gute Quote“.

Die größten Chancen der Stadt sieht er in einer konsequenten Industriepolitik, die sich nicht nur an Hochqualifizierten orientiere, sondern auch einfachere Arbeitsplätze zurückbringen müsse. Denn die jetzige Arbeitsmarktlage der Stadt ist für ihn immer noch das Ergebnis der Streichung aller Subventionen nach 1989. Zur Länderfusion zwischen Berlin und Brandenburg sagt er: „Ich bin immer noch dafür, aber es ist noch schwerer als damals, denn wir können es uns nicht mehr leisten.“ Schuldenbremse und Änderungen beim Länderfinanzausgleich hätten die Rahmenbedingungen verschlechtert.

Abschließend blickt Hermann Rudolph auf die Veranstaltungsserie zurück und lobt die ehemaligen Bürgermeister für ihr durchweg hohes Potenzial und großes politisches Urteilsvermögen. „Ja, schade“, wirft Diepgen ein, „im nächsten Jahr hätten Sie noch mehr Ehemalige“. Er ist eben immer noch ein eingefleischter CDU-Optimist. Bernd Matthies

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