Berlin : Edeltraud Düsterwald (Geb. 1935)

Blond und stattlich: wie geschaffen für die Rolle der Heldin.

Lisa Seelig

Ihre liebste Rolle in der Oper vereinte Wehmut und Fröhlichkeit. Die Marschallin aus dem „Rosenkavalier“, das war so eine Frau, der sie sich nah fühlte. Die heitere, die strahlende Seite von Edeltraud Düsterwald, die als Opernsängerin mit ihrem Mädchennamen Blanke auftrat, kannten alle. „Ah, Frau Blanke ist da“, hieß es bereits Augenblicke vor ihrem Erscheinen: Ihr lautes Lachen war schon längst zu hören.

Ihre Herkunft mag ihr geholfen haben, sich zwischen den Cholerikern, Profilneurotikern und Diven der Opernwelt nie zu verlieren – mit klassischer Musik hatte die Tochter eines Bauern aus Blankenfelde bei Berlin ursprünglich nichts am Hut. Der Leiter des Dorfkirchenchors erkannte aber das Talent der 15-Jährigen, empfahl ihr Gesangsstunden und später die Bewerbung an der Hochschule für Musik. Dort nahmen sie sie sofort.

Bei einer Probe verliebt sie sich in Frank, der Flöte im Schulorchester spielt. Als Frank später eine Festanstellung beim Orchester in Münster bekommt, wird die Stadt für die kommenden Jahre zum „Basislager“ für die Familie. Edeltraud reist mit der kleinen Tochter Andrea, die 1966 geboren wird, von Inszenierung zu Inszenierung.

Regisseure und Intendanten lieben Edeltraud Blanke, sie steht mit beiden Beinen auf dem Boden, und sie wissen: Wenn man sie anruft, ist sie da. An einem Wintermorgen verkündet ein Telegramm aus Berlin den überraschenden Tod der Mutter. Ihr Intendant fleht Edeltraud an, aufzutreten, es gibt keinen Ersatz. Am Abend steht sie als „Arabella“ auf der Bühne, als sich der Vorhang hebt. Die Arabella, Isolde, Elisabeth aus dem „Tannhäuser“ und immer wieder die Marschallin – die Sängerin geht auf in den großen Heldinnenrollen von Wagner und Strauß. Das deutsche Fach ist wie geschaffen für sie, die blonde, stattliche Frau. Auf einem Foto steht die junge Edeltraud zwischen dem Intendanten und dem Dirigenten, überstrahlt die Männer in ihrem schwarzen Seidenkleid mit dick und schwarz umrandeten Kajalaugen. Wie eine Zwillingsschwester der jungen Hilde Knef sieht sie aus.

1973 wird sie an die Ost-Berliner Staatsoper gerufen, sie bleibt zwölf Jahre. Mit ihrem Diplomatenpass pendelt sie zwischen der Wohnung in Wilmersdorf und Unter den Linden. Ihre helle, schlanke Stimme rührt die Familie zu Tränen – Andrea eher zu panischen, wenn die Mutter den Bühnentod stirbt, das weinende Kind muss vom Vater aus dem Saal gebracht werden. Frank weint bei Isoldes „Liebestod“, einer Rolle, die sie zwei harte Jahre lang lernen musste.

Ihre wehmütige, verletzliche Seite, die verbirgt sie lieber. Wie die Marschallin, die fürchtet, ihren jungen Geliebten zu verlieren, hadert sie mit der unerbittlich verrinnenden Zeit. Edeltraud schärft ihrer Tochter stets ein, nur ja nicht über das Alter der Mutter zu sprechen. Über das Alter einer Dame zu sprechen, das gehört sich nämlich nicht! Ihren fünfzigsten Geburtstag feiert sie eher widerwillig. Die Gedanken an die Vergänglichkeit machen ihr Angst. Davor, sich irgendwann anbiedern zu müssen für ihre Rollen, nur noch jene der keifenden, alten, bösen Weiber zu bekommen. Es gibt Sängerinnen, die blühen auf in diesen Rollen. Aber nicht sie, die so leidenschaftlich Heldinnen verkörperte. Sie will nicht auf der Bühne stehen, neben einer anderen, in der sie die junge Frau erkennt, die sie selbst einst war. Um sich Verletzungen zu ersparen, verlässt sie mit Anfang 50 die Opernbühne für immer, um Gesang zu unterrichten.

Sie weiß selbst um ihre Scheu vor Konflikten. Bei Streit macht sie dicht, Schluss, aus, dann läuft auch ihre Familie gegen einen Wall aus Sturheit. „Will ich gar nicht wissen“, ruft sie, wenn die Zeitung mit der Kritik einer neuen Inszenierung erschienen ist. Als Gesangslehrerin ist sie unermüdlich, hält auch an hoffnungslosen Fällen fest, macht Mut, heitert auf, übt weiter, wenn die Aufnahmeprüfung an der Hochschule schiefgegangen ist. Vielleicht wäre es manchmal besser, ehrlich zu sein – aber eben auch verletzend.

Als es um alles geht, stellt sie sich: Den Kampf gegen den Krebs geht sie an, wie man sie kennt, voller Optimismus und Kraft. Die Sonne geht auf, wenn Frau Blanke kommt, sagen die Ärztin und die Schwestern. Edeltraud kämpft so lange, bis dem Krebs das grausamste Mittel recht ist: Das Kratzen im Hals ist keine Erkältung, es sind Metastasen, die die Stimmbänder lähmen. Sie, die mit den Enkelinnen so gerne am Telefon sang und immer trällerte, im Supermarkt und beim Friseur, sie also stumm? Mit der Stimme schwindet die Kraft, weiter zu kämpfen.

„Die Zeit im Grunde“, singt die Marschallin, „die Zeit, die ist ein sonderbar Ding. Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann auf einmal, dann spürt man nichts als sie. Sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen. In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel da rieselt sie, in meinen Schläfen fließt sie. Und zwischen mir und dir da fließt sie wieder, lautlos, wie eine Sanduhr.“ Lisa Seelig

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