"Ehrenmord"-Prozess : Bruder: "Habe Schwester getötet"

Beim Auftakt im Prozess um den Berliner "Ehrenmord" hat der jüngste von drei angeklagten Brüdern gestanden, seine Schwester mit drei Kopfschüssen getötet zu haben. Heute bereue er die Tat, sagte der Angeklagte.

Berlin (14.09.2005, 16:18 Uhr) - Ein Geständnis gleich zum Auftakt: Im Prozess um einen so genannten Ehrenmord an einer jungen Deutsch-Türkin in Berlin hat ihr 19-jähriger Bruder die tödlichen Schüsse gestanden. "Ich habe meine Schwester getötet. Ich hab die Tat allein begangen. Niemand in der Familie hat mir dabei geholfen", verlas der Verteidiger des jüngsten der drei angeklagten Brüder die Erklärung am Mittwoch vor dem Berliner Landgericht. Die beiden anderen im Alter von 24 und 26 Jahren bestritten eine Tatbeteiligung.

Der schmale 19-Jährige im schwarzen Hemd wurde wie seine Brüder aus der Untersuchungshaft ins Gericht gebracht. Er habe den freien Lebenswandel und die Moralvorstellungen seiner Schwester nicht akzeptiert und zudem befürchtet, dass ihr kleiner Sohn drogenabhängig wird. "Heute bereue ich die Tat. Das, was ich getan habe, ist nicht wieder gut zu machen", erklärte der Türke über seinen Anwalt.

Der Fall hatte bundesweit Aufsehen erregt. Die 23-jährige Hatin Sürücü war am 7. Februar mit drei Pistolenschüssen in den Kopf an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof niedergestreckt worden. Die Anklage wirft den drei Brüdern gemeinschaftlichen Mord aus Heimtücke und niederen Beweggründen vor. Sie sollen den westlichen Lebensstil ihrer Schwester, die auch das traditionelle Kopftuch abgelegt hatte, als Kränkung der Familienehre empfunden haben.

Die Anklage stützt sich auch auf Aussagen der Freundin des 19- Jährigen. Sie soll am Montag vor Gericht gehört werden. Eine Schwester der Toten mit weißem Kopftuch sowie ein anderer Bruder traten als Nebenkläger auf.

Mit seinem Geständnis nahm der jüngste Bruder die Schuld vollständig auf sich. Seine Brüder erklärten über ihre Anwälte, sie hätten seit Jahren keine Kontakte zu ihrer Schwester gehabt. Der 24- Jährige sagte, seinen jüngeren Bruder halte er für fehlgeleitet, verwirrt und "sehr unreif".

Der 26-Jährige, der die Waffe besorgt haben soll, bezeichnete sich als gläubigen Moslem. Eine Tat zur Rettung der Familienehre? "Diese Tat gereicht meiner Familie nicht zur Ehre", ließ er erklären. Er habe weder die Waffe besorgt, noch sei er eingeweiht gewesen. Unklar ist bislang, ob das Gericht nach milderem Jugendstrafrecht über den 19-Jährigen urteilt.

Ihm sei schon früher der Gedanke gekommen, die Schwester zu töten, hieß es in dem Geständnis. Er habe mit seiner Freundin besprochen, dass sie dann den kleinen Sohn der Schwester aufnehmen wollten, erklärte der frühere Angestellte eines Internet-Cafes. An dem Abend sei er zu Hatin in deren Wohnung gefahren. Er habe ihr ins Gewissen reden wollen. Sie begleitete ihn später zur Bushaltestelle, der Streit sei wieder ausgebrochen. Sie habe gesagt, sie gehe ins Bett mit wem sie wolle ("Ich ficke, wen ich will."). "Das war für mich zu viel, ich zog die Pistole und schoss", ließ der 19-Jährige verlesen. Die Waffe habe er bei einem Russen gekauft.

Die in Deutschland geborene Hatin Sürücü wurde laut Anklage 1998 als Jugendliche in der Türkei in eine Ehe mit einem Cousin gezwungen. Nach der Geburt ihres Sohnes in Berlin im Mai 1999 verweigerte sie die Rückkehr in die Türkei. Dann zog die Frau gegen den Willen ihrer Familie aus, holte ihren Schulabschluss nach und begann eine Lehre als Elektroinstallateurin. Von ihrem Mann hatte sie sich getrennt, die Ansichten ihrer türkischen Familie lehnte sie ab.

Nach der Tat billigten junge Türken an einer Neuköllner Schule das Gewaltverbrechen. Hatin habe gelebt wie eine Deutsche, sagten sie. Die Berliner CDU forderte am Mittwoch dann auch, Schüler zu mehr Toleranz zu erziehen. Die Berliner Grünen sagten, zwangsverheiratete Ausländerinnen sollten ein eigenständiges Aufenthaltsrecht bekommen.

Das Schicksal von Hatin Sürücü ist kein Einzelfall in Deutschland. Die UN-Menschenrechtskommission geht von weltweit etwa 5.000 Frauen und Mädchen aus, die jährlich zumeist in islamischen, aber auch in christlichen Ländern Opfer von Ehrenmorden werden. In Bielefeld wurde am Mittwoch ein 36-Jähriger zu elf Jahren Haft verurteilt. Er hatte seinen Cousin aus gekränkter Familienehre erstochen. Der Täter hatte die Ehe seiner angeheirateten Nichte mit dem Opfer missbilligt. (Von Jutta Schütz, dpa)

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