EICHWALD & Ich FOLGE  3 : Kleine Koalition

Aus meinem WG-Leben mit einem Bundestagsabgeordneten.

Stefan Stuckmann

„Hab ich das richtig verstanden, du willst mich zum Essen einladen?“, frage ich Eichwald und zeige auf den Zettel mit der Aufschrift „19 Uhr, Küche!“, den ich morgens am Badezimmerspiegel gefunden habe. „Ja scheiße!“, ruft er und stellt abrupt den großen Espressokocher zurück auf den Herd. „Jetzt hab ich ...“, sagt er, bevor ihn ein Zischen unterbricht. „Verschüttet?“, frage ich. „Hier, ne“, sagt er, „genau so was wie jetzt meine ich!“

„Du willst WG-Regeln aufstellen, weil ich beim Reinkommen zu leise bin und du dich schon zwei Mal erschreckt hast?“, frage ich wenig später, als wir einander gegenüber am Küchentisch sitzen. „Drei Mal!“, sagt Eichwald und stellt eine riesige Thermoskanne mit Kaffee vor sich auf den Tisch. „Schon wieder Bohnenstau?“, frage ich und zeige auf den Vollautomaten. „Schlampengerät!“, sagt Eichwald. „Ich hab das der Christa gesagt damals: Wir sind mit dem Sandwichmaker schon nicht zufrieden, und wenn die gleiche Firma jetzt Kaffee ...“ Eichwald schaut mich an. „Der ist immer verbrannt, der Käse!“ Ich nicke.

„So, Tagesordnungspunkt Nummer eins ...“, sagt Eichwald und legt einen bedruckten Zettel auf den Tisch. „Kein Wort über meine Ex-Frau.“ – „Hab ich doch gar ...“ – „Doch!“, sagt er und zeigt auf den Kaffeeautomaten. „Subtext zählt auch.“ Vorsichtig ziehe ich seinen Zettel zu mir. „Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und ...“, lese ich vor, dann nimmt Eichwald mir das Blatt wieder weg. „Mann“, ruft er, „die Putzpläne liest du doch auch nie!“ – „Doch. Aber da steht ja immer nur mein Name drauf.“ – „Na, weil ich nie zu Hause bin!“ Ich verschränke die Arme und lasse mich tiefer in den Sitz sinken, während Eichwald sich einen zweiten Pullover überzieht. „Moment mal“, sage ich und schaue an ihm vorbei Richtung Fenster. „Hast du die Heizung abgestellt?“ Eichwald gießt sich in aller Ruhe einen Kaffee ein.

„Wird das jetzt so ein Koalitionsverhandlungsding“, frage ich, „wo wir beide hier bis fünf Uhr sitzen und uns gegenseitig weichkochen?“ – „Punkt zwei ...“, sagt Eichwald. Er nimmt einen Schluck aus seiner Tasse. „Das konnte ich noch nicht richtig zuordnen: Da waren Reifenspuren in der Dusche?“ – „Ja gut“, sage ich, „das war so ein herrenloses Damenfahrrad, da musste man dann nur einmal mit warmem Wasser drüber und ...“ Eichwald schüttelt den Kopf.

„Kann das übrigens sein“, frage ich, „dass die bei den Koalitionsverhandlungen alles innerhalb von einer Stunde eintüten, dann was beim Chinesen bestellen, alle drei Teile vom Paten gucken und dann danach nur so tun, als hätten sie so lange verhandelt, damit alle denken, es wäre ganz knapp und schwierig gewesen?“ Eichwald schaut mich an. Langsam lehnt er sich zurück, dann legt er seine Hand auf seinen Bauch. „Dieser Chinese, von dem du da redest“, sagt er, „hat der Sparmenüs?“

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