Ein Abschiedsbrief an Berlin-Mitte : Meine verlorene Stadt

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Kein Ort, nirgends. Der Fernsehturm steht wie ein Baum aus Stein im Zentrum, alles dreht sich um ihn.
Kein Ort, nirgends. Der Fernsehturm steht wie ein Baum aus Stein im Zentrum, alles dreht sich um ihn.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Der U-Bahnhof Vinetastraße an einem nasskalten Werktagsmorgen. Die Menschen sind unterwegs auf ihren Alltagswegen, laufen über die Ampel zur Tramstation, schieben Kinderwagen durch den Nieselregen, gucken blinzelnd unter Kapuzen hervor, haben Zug und Ziel.

Ich bin keiner von ihnen, gehöre nicht dazu. Ich sitze unter dem Dach der Bushaltestelle, an altbekanntem Ort, und weiß doch nicht, wo ich bin. Ich sehe mein Haus da drüben auf der anderen Straßenseite, aber schon dieser Satz stimmt nicht. Es ist ja gar nicht mein Haus, schon lange nicht mehr. Sechs Jahre ist es her, dass ich zum letzten Mal da drüben durch die Holztür gegangen bin.

Neu lackiert ist sie, nicht mehr grün wie damals und voller Graffiti-Tags, stattdessen nun einfach ganz grau. Sie steht offen, die Tür, das wundert mich, noch gegen Ende meiner Zeit hatten sie einen automatischen Schließer am Türrahmen installiert, eine erste Sicherheitsmaßnahme aus der Zeit der modernen Stadt. Fortan kackten uns immerhin die Penner nicht mehr in den Hausflur, fanden wir auf der halben Treppe kein Alupapier mehr von den Nachbarschaftsjunkies.

Meine erste eigene Bude: Vorderhaus, 2. OG links, Einzug Anfang März 2004, das erste Semester an der FU lag gerade hinter mir. Zwei große, aufrichtig abgerockte Altbauzimmer für knapp 350 Euro warm direkt an der U2, eine Station weiter schon der Ringbahnhof Schönhauser, zehn Minuten weiter der Alex. Meine Familie ließ ich in Spandau zurück, zufrieden in ihrem Reihenendhäuschen am Stadtrand, die Straße runter kamen nur noch die weiten, öden Felder von Brandenburg. Ich aber war jetzt mittendrin.

Und nun? Will ich Abschied nehmen. Abschied von meiner Gegend, meiner Vergangenheit, über zwölf Jahre habe ich hier verbracht, erst gut sechs Jahre an der Vineta, dann noch mal sechseinhalb am Mauerpark, nur eine Haltestelle runter Richtung Fernsehturm, Richtung Stadt.

Eine andere Stadt ist das jetzt, eine andere Gegend hier oben. Ein anderes Leben auch: Aus dem 21 Jahre alten Uni-Neuling von damals ist ein Familienvater von 34 Jahren geworden. Ein seltsamer Satz, wenn man ihn so dastehen sieht, aber es ist, wie es ist: Nur noch ein paar Tage, dann ziehen wir weg von hier, in unser neues Zuhause, ich, meine Frau, unsere beiden Töchter. Sehr weit weg. Wieder rüber da, in den anderen Teil der Stadt. Ins alte, kalte, schicke Berlin-West. Nicht der Liebe wegen. Sondern für die einzige Wohnung, die irgendwie zu haben war.

Und Al Stewart singt "Year of the Cat"

Bald schon werde ich dann nie mehr hier hochkommen. Warum auch? So funktioniert es doch, dieses seltsam verfranste Ding Berlin. Was nicht auf dem täglichen Weg liegt oder im direkten Umkreis, nicht zwischen Wohnung und Stadt, das existiert nur in der Vorstellung oder in der Erinnerung vielleicht. Das ist er, der eigentliche Wesenskern des Scheinriesen Berlin, sein paradoxer Minimalismus: hunderttausend verschiedene Möglichkeiten zu haben jeden Tag beim Aufstehen - und abends dann doch wieder in die gleichen zwei Läden gegangen zu sein. Oder nur nach Hause.

Ich verliere jetzt das, was so lange mein Zuhause war. Den Mauerpark. Die Nähe zum Alex. Den Blick auf den guten, alten Fernsehturm, das ist fast das Schlimmste. Seine Ruhe und Unverrückbarkeit. Die Gewissheit, dass er immer da ist, hinter der nächsten Ecke, am Ende der Straße.

In meiner Erinnerung ist es nicht kühl und nass, sondern strahlender Frühling. Ich sehe mich im T-Shirt auf meinem alten Balkon sitzen, ganz rechts im Zweiten, da wo heute die sorgsam drapierten Blumenkästen stehen, eine Tasse schwarzen Tee in der Hand, die Kreuzung im Blick, und hinter den offenen Fenstern singt Al Stewart „Year of the Cat“.

Der Anfang eines Lebens. Es fällt mir schwer zu begreifen, wie lange das alles wirklich her ist. Durch den Niesel sehe ich die Solarzellen da oben auf dem Dach, Solarzellen!, schreit etwas in mir, überhaupt, dieses ganze schicke, sicher topdichte, komplett neu gedeckte Dach, wie jedes andere sieht es jetzt aus. Keine Spur mehr von meiner Sat-Schüssel und dem rostigen Antennenmast, an dem sie treu hing, nach jedem halben Sturm musste man hoch und neu ausrichten, mit dem Handy die unten fragen: Jetzt besser? Und vor dem Schließen der Dachluke noch ein Nicken in Richtung des langen Gefährten da am Horizont. Grüß dich, Fernsehturm, du guter, alter Ostler. Schön, dass es dich gibt.

Die Vergangenheit ist ein seltsamer Magnet, sie zieht näher und stößt ab, oft beides gleichzeitig.

Ich will weg hier, es macht mich alles traurig. Vorher aber will ich da noch mal reinschauen, die offene Haustür ist eine zu große Verlockung. Schon bin ich über die Straße, durch die Haustür, drin im Flur. Ich komme mir vor wie der Eindringling, der ich ja auch bin, aber kein Mensch ist zu sehen, nur die Briefkästen da an der Wand, so groß und neu und perfekt ausgerichtet. Schnell weiter, geradeaus durch den Gang, durch die Glaseinsätze der Hoftür sehe ich schon den ersten Stock der Remise, auch sie nun vollständig renoviert und beige gestrichen wie alles andere, mittlerweile auf zwei Etagen bewohnt. Hat nicht mein Vater eben noch auf dem Hof unter seinem kaputten VW-Bus gelegen?

Die Hoftür fällt hinter mir zu, und ein schlimmes Gefühl der Enge packt mich. Alles ist jetzt ausgefüllt und durchgeplant, wo früher nur Matsch und Unkraut war. Links von mir ein Unterstand für Fahrräder und Recyclingtonnen, zum Hinterhaus geht es auf schmalem Pflaster, und daneben, überall, sind jetzt diese ... Thujahecken! Ich schieße noch ein schnelles Foto, stemme dann die Tür auf, laufe raus auf die Straße. Es war keine gute Idee herzukommen. Ich hatte ganz vergessen, dass in der Vergangenheit wenig mehr zu finden ist als Sehnsucht, sinnlos, unerfüllbar.

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