Berlin : Ein albanisches Künstlerpaar probt den Aufstand gegen Moralbegriffe ihres Landes

Amory Burchard

Sie lacht, sie strahlt über das ganze Gesicht. "Sie brauchen nicht zu lächeln", sagt der Fotograf, und Flutura Haxhillari streicht mit der rechten Hand über ihre Mundwinkel. Kurz gelingt es ihr, ernst durch die Gitterstäbe zu blicken. Besnik Haxhillari glückt der verlorene Blick des eingesperrten Tieres auf Anhieb, aber auch seine Augen leuchten. "Draußen zu leben, ist Freiheit. Es ist gut, ohne Grenzen zu leben", sagt Flutura später beim Kaffee im Garten der Galerie. Jetzt wischt sie sich dieses strahlende Lächeln nicht mehr aus dem Gesicht.

Flutura und Besnik Haxhillari stammen aus Albanien. Die albanische Spielart des Kommunismus unter Diktator Enver Hoxha hatte das Land in eine fast vollständige Isolation geführt. Die Haxhillaris erlebten den Fall des Kommunismus als junge Kunststudenten. Besnik ist Jahrgang 1966, Flutura wurde 1970 geboren. Sie sind ein sehr nettes Künstlerpaar, und sie erlauben, dass man ihre Kunst autobiografisch liest. "Aber es ist immer auch ein Spiel", mahnen sie.

Die Tierkäfig-Installation also: An den weißen Wänden hinter dem roten Gitter hängen Tierbilder, farbige Zeichnungen von Hund, Muttersau, Eichhörnchen, Pferd und Eule wie aus einem Kinderbuch des 19. Jahrhunderts. Die naturalistischen Porträts unserer haarigen und gefiederten Freunde verraten die strenge akademische Ausbildung der Haxhillaris. In die Bilder applizierte rote Balken und die roten Gitter geben der Installation jedoch eine unverkennbar politische Note. Auch die schräge Hängung der ungerahmten Bögen aus Chinapapier hätte noch vor wenigen Jahren keine albanische Kunstkommission durchgehen lassen.

Nach dem Umbruch in ihrer Heimat nutzten die Haxhillaris die Freiheit, ins Ausland zu gehen. Nicht als illegale Grenzgänger auf der Flucht vor der postkommunistischen Dauerkrise, wie viele ihrer ehemaligen Kommilitonen. Flutura und Besnik schlossen ihr Studium in Tirana ab, lernten im Schnellverfahren Englisch, Deutsch und Italienisch. Dann gingen sie als Meisterschüler beziehungsweise als Gastdozentin und DAAD-Stipendiatin in die Welt. Zuerst nach Lausanne, dann nach Paris, dann nach Berlin. Immer zu zweit. "Wir haben schon in Tirana als ein Student gearbeitet", sagt Besnik. Ja, fährt Flutura fort, sie seien sowieso immer zusammen gewesen, nachdem sie im ersten Studienjahr ein Paar wurden. Seit zwei Jahren leben und arbeiten sie in Berlin, mit sensationellem Erfolg.

Als Künstlerduo "Die Gullivers" wurden sie und ihre Objekte und Performances von der internationalen Kunstszene entdeckt. Nach ihrer Teilnahme an einer Präsentation junger albanischer Kunst bei der diesjährigen Biennale in Venedig stellt das Paar - gemeinsam mit fünf weiteren albanischen Künstlern, die auch in Venedig vertreten waren - jetzt im Haus am Lützowplatz aus. Im Dezember sind sie bei der "Zeitwenden"-Ausstellung im Bonner Kunstmuseum eingeladen. "Wir entdecken nicht nur fremde Länder, sondern auch uns selbst", sagt Flutura Haxhillari.

"Ohne Grenzen leben". Damit sind die Haxhillaris noch lange nicht am Ende ihrer Reise. "Hier in Berlin haben wir überlegt, welche Grenzen wir selbst noch überwinden müssen", sagt Flutura. Das Ergebnis dieser Überlegungen ist einigermaßen schockierend, zumindest für albanische Verhältnisse. "Es ist die Nacktheit." "Die Gullivers" reisen also nicht mehr nur in die Objekt-Welt der Spielzeugfiguren ihres dreieinhalbjährigen Sohnes Visar, sie begnügen sich nicht mehr mit dem Spiel um Isolation und Ausbruch. Sie ziehen sich aus.

Bei der Performance "Par avion" wickeln sie sich aus einer roten Stoffbahn, die sie dann in einem Lagerfeuer verbrennen. Nur mit roter Unterwäsche bekleidet, kauern sie schließlich in einem Plexiglaskubus. Wenn "Gullivers schlafen", räkeln sie sich nackt auf einer weiß-roten Herzchendecke. Mit dieser Performance wurden die Haxhillaris vor einem Jahr sogar von der Nationalgalerie in Tirana eingeladen. Weil die albanische Gesellschaft einen strengen Moralkodex pflegt, adaptierten sie allerdings die Performance. Die Gullivers blieben nackt, aber unter einer traditionellen albanischen Ziersteppdecke. Ohnehin, so Flutura, gehe es ihnen nicht um die Provokation. Ihre Nacktheit sei familiär und romantisch.

In Venedig trugen sie, als Brautpaar gekleidet, einen Boxkampf aus. Ein Halbkreis niedrig gehängter Aktfotos an einer festlichen Tafel bildete die Arena. Sie wollten, wie schon mit der "Par avion"-Performance, auf die kriegerischen Konfrontationen im Balkan reagieren. Besnik Haxhillari zögert nicht, auch den privaten Aspekt preiszugeben: "In einer Beziehung den richtigen Weg zwischen Liebe und Krieg zu finden, ist nicht leicht." Flutura sagt, dass bei vielen Arbeiten auch die Welt ihrer in Albanien lebenden Eltern Pate stehe. "Sie sagen am Telefon immer: Was macht ihr mit nur einem Kind!?" Jetzt wurde daraus eine Nacktperformance mit zehn Babypuppen. Wenn Flutura daran denkt, was ihre Eltern dazu sagen würden, wird ihr Lächeln verzagt.Albanische Kunst heute, Haus am Lützowplatz, Lützowplatz 9 (Berlin-Tiergarten). Bis 29. August, dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr. Haxhillari-Performance am 28. August (Lange Nacht der Museen). Info-Tel.: 261 38 05.

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