Berlin : Ein Berliner Kant für Königsberg

Wie der Alte Fritz dem Denker, der vor 200 Jahren starb, zu einem neuen Denkmal verhalf

Andreas Conrad

Worüber mögen sich der Philosoph und der Dichter so angeregt unterhalten? Den „Kategorischen Imperativ“? Die „Ringparabel“? Oder vielleicht auch nur über ihren beruflichen Aufstieg im Jahre 1770: Immanuel Kant als Professor in Königsberg, Gotthold Ephraim Lessing als Bibliothekar in Wolfenbüttel? Nun, darüber gewiss nicht, das Denkmal des Alten Fritz Unter den Linden, vor dessen Sockel beide Aufklärer unentwegt parlieren, wurde ja schon 1851 enthüllt. Den Philosophen rühmte man in der Einweihungsschrift damals so: „der strenge, gewissenhafte Denker, durch Lehre und Schrift zu neuen ernsten Forschungen die Wege bahnend“.

Königsberg, die Geburtsstadt Kants, der heute vor 200 Jahren starb, verdankt Berlin viel. Ohne die Statuette unterm Schweif des königlichen Rosses und eine weitere, vor Jahren aufgetauchte Kant-Statuette Christian Daniel Rauchs müsste sie ohne ihr Kant-Denkmal auskommen. Am 18. Oktober 1864 war es nahe der dortigen Universität aufgestellt worden. Als sich 1945 die Rote Armee näherte, sorgte man sich um die Bronzefigur. Der Kunstwart der Stadt wandte sich daher Hilfe suchend an Marion Gräfin Dönhoff, die spätere Herausgeberin der „Zeit“, die den Bronze-Philosophen im Park ihres östlich Königsberg gelegenen Schlosses aufstellen ließ. Kurz danach musste sie fliehen, das Standbild ging in den Kriegswirren verloren. Noch Jahrzehnte später fühlte sich die Gräfin für das verlorene Bildnis verantwortlich, In den 80er Jahren bot sich wieder Gelegenheit, ihrer Rolle als Kants Schutzpatronin zu genügen. Martin Sperlich, ehemals Direktor der Berliner Schlösser und Gärten und ebenfalls aus dem Königsberger Raum stammend, war in der Charlottenburger Gipsformerei auf eine Statuette Rauchs gestoßen, eine Fingerübung zu Kant, mit der späteren, überlebensgroßen Figur weit gehend identisch. Die Gräfin ließ einen Bronzeabguss anfertigen, den sie 1989 als Geschenk nach Königsberg brachte.

Auch auf die Maxi-Version sollte Kants Geburtsstadt nicht länger verzichten. Gemeinsam mit der „Zeit“ regte Gräfin Dönhoff eine Spendenaktion an. Als Künstler wurde auf Anregung Sperlichs der Berliner Bildhauer Harald Haacke mit der Nachbildung betraut. Memel hatte Haacke, der am 13. Januar dieses Jahres starb, bereits ein neues „Ännchen von Tharau“ zu verdanken, Berlin Kolbes Rathenau-Denkmal, die von den Nazis zerstörte „Steuerschraube“ im Volkspark Rehberge, ebenso das Gänseliesel vom Nikolsburger Platz oder die vergrößerte Kollwitz-„Pieta“ in der Neuen Wache.

Mit Blick auf die Statuette, die Figur am Denkmal Friedrichs II. und überlieferte Fotos formte Haacke einen neuen Kant. Die Größe konnte er bestimmen, weil der alte Sockel wieder aufgetaucht war. Gegossen wurde Kant bei Noack in Charlottenburg. Im Sommer 1992 kehrte er nach Königsberg zurück.

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