Ein Berliner Vater verzweifelt : Raus aufs Land ziehen oder in der Stadt bleiben?

Auf den Schultern unseres Autors duellieren sich Landwirt und Kneipenwirt um das beste Lebensmodell für die Familie.

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Groß werden auf Asphalt. Kann auch bestens funktionieren. Dennoch lockt immer wieder das Grün vor den Toren der Stadt.
Groß werden auf Asphalt. Kann auch bestens funktionieren. Dennoch lockt immer wieder das Grün vor den Toren der Stadt.Foto: p-a/dpa

Eine Frage habe ich noch. Ich fürchte, ich werde sie auch im nächsten Jahr noch haben und im übernächsten. Sie lautet: Stadt oder Land? Also drinnen wohnen bleiben oder rausziehen. Seitdem ich Vater bin, und das sind jetzt auch schon dreieinhalb Jahre, sitzen jedenfalls zwei Kerle auf meinen Schultern. Ein Landwirt auf der einen. Ein Kneipenwirt auf der anderen. Sie spielen „Stadt – Land – Muss“. Duellieren sich ums beste Lebensmodell für die Familie, und ich muss mich zwischen ihnen entscheiden. Kann ich nur leider gerade nicht. Ich kann noch nicht mal den Kopf zwischen ihnen schnell genug hin- und herdrehen. Da hat es sogar ein Schiedsrichter beim Tischtennis besser.

Ein paar Wortfetzen möchte ich gerne mal wiedergeben:

Landwirt: „Einfach mal die Tür aufmachen, und die Kinder in den Garten laufen lassen.“

Kneipenwirt: „Einfach mal schnell einen Absacker um die Ecke nehmen, wenn der Kleine schon schläft.“

Landwirt: „Diese herrliche Ruhe abseits der Großstadthektik!“

Kneipenwirt: „Dieses prickelnd pulsierende Treiben.“

Landwirt: „Freiheit!“

Kneipenwirt: „Freiheit!“

Irgendwann fangen sie dann an, sich zu beschimpfen:

Landwirt: „Bei mir gibt’s noch echte Nachbarschaft, nicht dieses Gehtsdirgutmirauchichmussweiter.“

Kneipenwirt: „Dann kann ich auch gleich hinter den Mond ziehen, so wenig wie bei dir los ist.“

Landwirt: „Komm du erst mal runter.“

Kneipenwirt: „Komm du erst mal nach Hause, wenn die S-Bahn wieder nicht fährt.“

So geht das, wie gesagt schon eine ganze Weile. Die beiden werden mir langsam lästig. Aber ich werde sie nicht los. Im Gegenteil. Es wird eher noch schlimmer. An einem Wochenende sitzen wir draußen im Grünen vor den Toren der Stadt, mein Sohn läuft barfuß durchs Gras, nichts fehlt und ich nicke dem Landwirt auf meiner Schulter freundlich zu. Am nächsten sind wir dann bei uns in Schöneberg zum Grillen im Hof auf der anderen Straßenseite eingeladen. Lauter nette Leute. Danach noch schnell den Wochenendeinkauf um die Ecke, dabei noch den halben Kiez getroffen, alles ohne ein Verkehrsmittel. Da kriegt der Kneipenwirt einen Schulterklopfer von mir.

Stadt? Land? Mir brummt längst der Kopf. Wer eine helle 4- bis 5-Zimmer-Stadtwohnung mit schönem Garten anzubieten hat, kann sich gerne bei mir melden.

Ins Grübeln kommt man als Stadtbewohner zum Beispiel auch bei einer Schifffahrt vom Tegeler See über die Havel, Abfahrt an der Greenwichpromenade. Unterwegs fährt man jedenfalls an einigen sehr reizvollen Wohnlagen vorbei. Die Vorzüge der Stadt ruft dafür gerade bei Regen ein Besuch mit Sohn im Technikmuseum wieder in Erinnerung.

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