Berlin : Ein bisschen Rummel

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VON TAG ZU TAG

Elisabeth Binder sucht Stille

im Orkan des Kirchentags

Heute kommt mein alter Freund B. nach Berlin. Der Kirchentag ist für ihn eine willkommene Unterbrechung vom Zivildienst im Münsterland. Was genau er für Pläne hat, habe ich ihn vor geraumer Zeit schon gefragt. „Och“, sagte er. „Einfach mal gucken.“

Einfach mal gucken, wird gar nicht so leicht sein. Das Programm ist zwar nicht ganz so schwer wie das Telefonbuch, bietet mit 722 eng bedruckten Seiten aber schon eine Menge Ereignisse, die man sich „mal begucken“ kann.

Der unbedarfte Heide mag sich fragen, ob nun eine Art Love Parade für Fromme oder ein Karneval der Kirchenkulturen durch die Stadt fegt. Ein bisschen wirkt es so, als habe jede Kirchengemeinde ein großes Brainstorming gemacht – und alles zusammengetragen, was irgend aus den Köpfen gepurzelt ist. Eher erschlagend. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. „Dein Segen ist meine Not!?!“ heißt eine der etwa 3000 Veranstaltungen. Untertitel „Frauenleben rund um die Ostsee“. „Ein Mann ringt um den Segen mit Gott“, ist der Titel eines Bibliodramas für Männer. „Engel, Kreuz und Körper“ handelt von „Reizwäsche und Passionsfahnen“. Eine große bunte Welt der Vielfalt.

Wo es so viel zu gucken gibt, wird sich mancher einfach treiben lassen. Was zählt, ist schließlich das Gemeinschaftserlebnis, und zu dem gehören (in Berlin immer) ein paar an Rummel grenzende Elemente dazu. Spiritualität, um die es schließlich auch geht, verlangt normalerweise allerdings nach Stille. Für so etwas haben wir einen Extraraum im Brandenburger Tor. Der ist auch alltags geöffnet, wenn die Kirchen mangels Wachschutzes zugesperrt sind. In diesen Tagen wird er vielleicht zum Auge des Hurricanes. Und zu einem guten Ziel, wenn man gar nicht mehr weiß, wohin man zuerst gucken soll.

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