Berlin : Ein echtes Hoppening

Pferdekrawatten, ulkige Hüte und bloß keine Jeans auf der Vip-Tribüne: 10 000 Besucher werden am Sonntag erwartet zum „Great Britain Race Day“. Ein Besuch vorab in Hoppegarten.

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Die einen bringen ihren besten Hut mit, die anderen Stift und Fernglas. Und Chef Gerd Schöningh behält auch in anderen Dingen den Überblick. Am Sonntag geht es los mit den Rennen um 14 Uhr. Das Ticket kostet 10 Euro, die Familienkarte für zwei Erwachsene und ein Kind 14 Euro.Fotos: Davids
Die einen bringen ihren besten Hut mit, die anderen Stift und Fernglas. Und Chef Gerd Schöningh behält auch in anderen Dingen den...Foto: DAVIDS

Hüte. Picknickdecken. Champagner. Wird Hoppegarten nun doch noch das neue Ascot? Besitzer Gerd Schöningh lacht. „Da müsste man ja die Berliner komplett austauschen, das geht nicht.“ 10 000 Besucher tummeln sich sonntags zwischen den Wett- und Imbissständen. Auf der feinen Klubtribüne finden sich nur etwa 250 Mitglieder ein. Die allerdings würden „Royal Ascot“ alle Ehre machen mit ihren eleganten Hüten, kurzen Kleidern, Gehröcken, Anzügen.

Schöningh trägt Nadelstreifen auf dezentem Grau. Seit fünf Jahren hält er die Zügel in Hoppegarten in der Hand. Unter seiner Regie sind die Besucherzahlen um 80 Prozent gestiegen. Zudem wurde die Anlage als Denkmal von nationaler Bedeutung anerkannt. Das Ensemble wurde aufgenommen in ein Denkmalförderprogramm. Das bedeutet, dass bei einer Eigenleistung von 250 000 Euro der Staat 500 000 zuschießt. „Es geht aufwärts“, sagt der Finanzexperte, der überwiegend in London lebt und arbeitet und viel eigenes Geld in die Rennbahn gesteckt hat. An Renntagen ist er regelmäßig in Berlin. Sein Credo: „Rennsport braucht viel Passion, denn es gibt viele Rückschläge.“

Immer mehr Prominente schätzen die Rennbahn als gesellschaftlichen Treffpunkt. Unter dem Dirigat von Renn-Klub-Managerin Tini Gräfin Rothkirch, die seit frühester Kindheit Pferde liebt, steigert sich auch die Eleganz des Ortes draußen in der Mark. Im grünseidenen Gehrock zum fliederfarbenen Hut eilt auch sie wie der Besitzer geschäftig hin und her, bringt Leute zusammen, beantwortet Fragen, führt Neulinge umher.

Rallye-Lady Heidi Hetzer ist Stammgast, und das sieht man. Sie trägt orangefarbene Schuhe, dazu eine gleichfarbige Auto-Tasche und passende Handschuhe zum orangeblau-geblümten Kleid. Mehr als über das Outfit hat sie sich aber bereits am Vorabend Gedanken gemacht, mit welchem Auto sie vorfährt: Soll sie lieber den 100-jährigen Oakland nehmen oder doch den 83-jährigen Hudson? An beiden hat sie den ganzen Tag gearbeitet. Am Ende rollt sie im Hudson auf den Ehrenparkplatz gleich neben der Tribüne. Der 100-Jährige hat im Stau in Alt-Biesdorf Kühlwasser verloren und musste zurückgebracht werden. Vorsichtshalber war sie sehr zeitig aufgebrochen.

Wer die Rennbahn lange kennt, kann nicht umhin, die großen Veränderungen zu registrieren. Jockey-Diener Joachim Möller trägt seine Arbeitskleidung, blaue Latzhose, kariertes Hemd. Seit Mitte der 70er Jahre ist der gebürtige Weimarer auf der Rennbahn zu Hause. Früher war er selber Jockey und hat auch schon mal Rennen gewonnen. Er zückt sein Handy, auf dem einige alte Schwarzweiß-Aufnahmen gespeichert sind. Damals gab’s ein Ferkel als Ehrenpreis. Doch auch zu DDR-Zeiten hätten sich die Besucher bei großen Rennen Mühe gegeben mit der Kleidung. „Aber es gab ja nicht die Möglichkeiten wie heute.“

Draußen spaziert BVG-Chefin Sigrid Nikutta mit Mann und vier Kindern vorbei. Die Mädchen wollen jetzt unbedingt mal zur Hüpfburg. Auch Familie Nikutta ist regelmäßig hier und begeistert von den Picknick-Möglichkeiten. Normalerweise bringen sie Salat und Würstchen mit. Aber diesmal probiert Nikutta mit ihrer Familie die Klub-Tribüne aus, wo Caterer Herbert Beltle vom Restaurant Aigner Tafelspitz mit grüner Sauce serviert.

Auf der Klub-Tribüne sind Jeans verpönt. Da tragen die Herren Pferdekrawatten zu ihren leichten Sommeranzügen und die Damen High Heels. Die Hostessen lächeln in langen Gewändern in Anlehnung an die Mode vor 145 Jahren, als die Bahn eröffnet wurde. Hier sitzt Australiens Botschafter Peter Tesch, dort Andreas Graf von Hardenberg. Der Präsident des Landessportbundes, Klaus Böger, trägt Strohhut zur Krawatte und bereitet sich auf eine Siegerehrung vor. Gerd von Ende, gebürtiger Hoppegartener, hat sich mit der Geschichte des Pferderennsports ausführlich in seinem Buch „Passion“ befasst und Erstaunliches herausgefunden. Das erste Rennen nach englischem Vorbild fand in Deutschland 1821 in Aachen statt. Hermann-Viktor Johnen, der neben ihm steht auf der Klub-Tribüne, weiß auch, wer es gewonnen hat: Seine Ur-Ur-Urgroßmutter Jeanette zur Helle, die das siegreiche Pferd 1818 in Newmarket in England gekauft hatte. Noch bemerkenswerter finden die beiden, dass sich durch Gerd Schöningh ein Kreis schließt, denn dessen Großvater war Oberbürgermeister von Aachen.

Schöningh erläutert zwischen zwei Rennen seine nächsten Ziele. Er will die Zahl der Renntage erhöhen und noch mehr Besucher raus nach Hoppegarten locken, das mit der S-Bahn bequem erreichbar ist. Außerdem würde er gern mehr Berliner animieren, ihre Pferde zum Training nach Hoppegarten zu geben.

Schöningh eilt zur nächsten Siegerehrung. Die Besitzerin des Gewinnerpferdes trägt zum blauen Etuikleid und weißen Sandalen – keinen Hut. Sie könnte das schnell ändern. Nur ein paar Schritte entfernt hat Isabell von Maltzahn ihren Stand. Normalerweise befindet sich ihr Hut-Atelier in der Pariser Straße, aber an Renntagen kommt sie mit einer kleinen Kollektion regelmäßig raus, um aktuelle Hut-Gelüste zu stillen. Zwischen 80 und 360 Euro kosten ihre Modelle. Es sind ausgefallene Kreationen dabei, mit denen man auch in Ascot punkten könnte, aber auch schlichte alltagstaugliche Strohhüte und Fascinatoren, winzige Blumen und Schleifenkreationen, die man sich ins Haar klemmt.

„So was schätzt die Queen aber gar nicht“, weiß Susanne Kage. Die britische Königin setze sich beim „Royal Ascot“-Pferderennen verstärkt für richtige Hüte ein und strengere Dresscodes, erzählt sie. Die kommen vielleicht zum Zuge beim erstmalig stattfindenden Great Britain Race Day an diesem Sonntag, am 11. August. Dann soll der Geist des Empires über der Rennbahn wehen. Als Attraktionen gibt es Oldtimer, Fish und Chips, Dudelsackpfeifer, Tea Time. Schirmherr ist Botschafter Simon McDonald, der für den Tag seinen Urlaub unterbrechen will. Er hofft, dass die Berliner sich für das britische Flair begeistern werden. Schließlich ist in der Welt niemand so berühmt für die Leidenschaft für Pferderennen und Wetten wie die Briten.

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