Berlin : Ein großer, ein vergessener Parlamentarier - 1921 wurde der Politiker ermordet

Robert Leicht

Berlin steckt voller Erinnerungen. Aber mitunter haben diese Erinnerungen empfindliche Lücken - und zwar selbst dort, wo man sie gerade nicht vermuten würde. Der deutsche nationalstaatlich verfasste Parlamentarismus ist vor just einem Jahr an seinen Ausgangsort zurückgekehrt. Gerade deshalb ist es bedenklich, dass nirgendwo im Stadtbild Berlins an einen der bedeutenden Parlamentarier, wenn nicht gar an den bedeutendsten Parlamentarier der Früh- und Vorgeschichte der Weimarer Republik erinnert wird, vor allem an das erste Mordopfer der Republik in ihrer Weimarer Verfassung: an Matthias Erzberger. An den Zentrumsmann aus Württemberg, der mit dem Mut der Verzweiflung die Waffenstillstandskommission in Versailles leitete, für die Unterzeichnung des Friedensvertrages warb, und der als Reichsfinanzminister die große Finanzreform konzipierte.

Am 26. August 1921 - noch vor Walter Rathenau - wurde Matthias Erzberger ermordet; die Mörder konnten mit stiller Duldung der Polizei (und mit von ihr gefälschten Pässen) flüchten. Aber schon seit jenem Tage, an dem die Nationalversammlung nach quälenden Auseinandersetzungen der Unterzeichnung des Friedensvertrages zugestimmt hatte, war Erzberger in Lebensgefahr: "Ein gegen mich geplanter Attentatsversuch von Reichswehrangehörigen am Abend dieses Tages misslang. Wenige Tage darauf wurde nachts mein Arbeitszimmer im Finanzministerium beschossen und ein Zimmer, in welchem man mein Schlafzimmer vermutete, durch eine Handgranate verwüstet."

Es gibt stillschweigende Erinnerungslücken - und es gibt sprechende, ja schreiende. Es ist ein vielsagendes Schweigen, das Matthias Erzberger umgibt. Der Christdemokrat Heiner Geißler - wie Erzberger ein süddeutscher Katholik und Politiker, ein äußerst vitaler Parlamentarier auch er - hat jüngst in einer Vortragsreihe der Evangelischen Akademie zu Berlin geschildert, auf welche massiven Vorbehalte Matthias Erzberger bei den Eliten seiner Zeit gestoßen war - trotz, ja geradezu wegen seiner parlamentarischen Begabung, Durchsetzungsfähigkeit, Klugheit, ja auch Schlauheit.

Erzberger wirkte offenbar als Projektionsfläche, auf die fast alle ihre Vorbehalte werfen konnten: Die Militärs gegen den Primat der Politik, die protestantischen Herrschaftseliten Preußens gegen den kleinbürgerlichen süddeutschen Katholiken, die Beamten gegen die vermeintliche Anmaßung parlamentarischer Kontrolle und Gestaltung, die entthronten Monarchisten gegen den Demokraten, die politisierenden Ästheten (wie selbst Harry Graf Kessler) gegen den handfesten Macher und den flink wuselnden Taktierer. Wer schon immer etwas gegen den realistischen Alltag des Parlaments hatte, konnte in dieser Person seine elitären oder bloß unpolitischen Vorurteile bündeln. Klaus Epstein in einer großen und Theodor Eschenburg in einer kleinen Biographie Erzbergers haben bewegende Versuche unternommen, diese Ressentiments durch Aufklärung zu de-konstruieren. Aber waren sie wirklich erfolgreich?

Der Mord an Erzberger und die Aufklärung seines Lebenslaufes haben offenbar den Bodensatz jener Vorurteile, ihre fortwirkenden Spurenelemente nicht ganz beseitigen können - gegenüber der Person, bisweilen auch gegenüber dem parlamentarischen Geschäft. Es ist, als hänge die manifeste Erinnerungslücke damit ursächlich und untergründig zusammen. Ein unbegründeter Verdacht? Dieser Verdacht lässt sich nur glaubwürdig zerstreuen, indem die Stadt und die Nation diese Erinnerungslücke - ein Jahr nach der Rückkehr des nationalen Parlaments - füllt: eine Straße, ein Platz, ein Gedenkstein... Jedenfalls: Bevor man des Mannes gedenkt, der den Reichstag angezündet hat, sollte man jenes Mannes gedenken, der den Parlamentarismus in diesem Land mitbegründet hat.

Der Autor als Präsident der Evangelischen Akademie zu Berlin und der Bundestagsabgeordnete Heiner Geißler (CDU) haben den Regierenden Bürgermeister von Berlin in einem Brief gebeten, eine Straße nach Matthias Erzberger zu benennen.

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