Berlin : Ein individuelles, nahezu perfektes Landhotel

Bernd Matthies

Dorfstr.37, Stolpe b. Anklam, Telefon 03 97 21/55 00, alle Kreditkarten. Zimmer 150/240 DM, 4 Suiten.Bernd Matthies

Liegt der Winter hinter uns? Egal: Der echte Fress-Freak fährt auch in der nebensten Nebensaison in die Einöde, um dem Küchenchef seines Herzens zu Füßen zu liegen. Zugegeben: Das klingt für Berliner Verhältnisse ein bisschen theoretisch, und nur Experten fällt was ein. Zum Beispiel: War da nicht mal ein Haus in der Nähe von Anklam?

Richtig: Dort liegt das Gutshaus Stolpe, wo Jürgen Schneider vor zwei Jahren aus dem Stand einen Michelin-Stern erbeutete, den zweiten überhaupt dort droben; Brandenburger Köche oder ihre Kollegen aus Sachsen-Anhalt haben das immer noch nicht geschafft. Damals war Stolpe von der Konzeption her eher ein Restaurant mit Hotelbetten, und die familiäre Führung durch Susanne Schneider zog rasch viele Stammgäste an, die sich ebenso schnell wieder abwandten, als die Schneiders gingen und das Hotel eine personelle Krise durchmachte.

Inzwischen ist die Stabilität zurück. Der neue Direktor Martin Lebek leitet das um einige gemütliche Zimmer und Suiten, um Sauna und Fitnessraum erweiterte Haus mit Witz und Souveränität, und in der Küche steht Stefan Frank, ehemals Chefpatissier bei Alfons Schuhbeck und Sous-Chef in der vielgelobten Villa Hammerschmiede in Pfinztal bei Karlsruhe. Kurz und knapp: Was er dort droben macht, ist schon längst wieder reif für den Stern und lohnt die Anreise von Berlin auch für nur eine Nacht, zumal wegen der bemerkenswert günstigen Preise und der paradiesischen Ruhe.

Dabei ist es nicht einmal ein besonderer Stil, der diese Küche aus der Masse herausheben würde; Frank kocht weder regional noch auffällig kreativ, sondern bewegt sich in den vertrauten mitteleuropäischen Pfaden irgendwo zwischen Frankreich und Italien. Und er kocht aufwendig, manchmal kompliziert. Doch bei allen Kunststücken - die Desserts! - vergisst er nie, dass es dem Gast vor allem schmecken muss. Das merkt man beispielsweise an der raffinierten "Aumonière" vom Steinbutt, einer vertrackten Konstruktion von Fisch, Spinat und einer Jacobsmuschel in knusprigem Teig, ideal ergänzt durch einen herrlich leichten Gemüsesud. Klassisch die sanfte Kalbsterrine mit Pistazien, leicht asiatisch angehaucht die in Tempura-Teig gebackenen Langustinen mit kleinen Akzenten von Soja und Pesto, ein wenig italienisch der mit Kräutern gratinierte Steinbutt auf Steinpilznudeln, sicher ausbalanciert die hausgemachte, gebratene Blutwurst auf Ingweräpfeln, köstlich aromatisch die vielfältigen Milchlamm-Variationen mit Zucchini. Und dann kommen die Desserts: Allein mit seinen Ideen über Valrhona-Schokolade und Mandarinen bestückt Frank fünf substanziell gefüllte Teller: Cremes, Eis, Gebäck, Pfannkuchen, Kompott höchster Qualität (Menüs 66/79 Mark, Hauptgänge um 35 Mark).

Der Service, geleitet von Lebek und Sommelier Ralf Heimberger, bietet dazu eine preisgünstige, noch nicht all zu tiefgründige Auswahl guter, vor allem deutscher Weine, vom ausgezeicheten offenen Silvaner aus Baden bis zu freundlich kalkulierten Antiquitäten - fragen Sie mal, ob vom 78er Ducru-Beaucaillou noch was da ist.

Ein individuelles, nahezu perfektes Landhotel mithin, das nur den Nachteil hat, von allen touristischen Anziehungspunkten und der Ostsee recht weit entfernt zu sein. Aber das ist für die echten Fress-Freaks ja eher ein Vorteil. Und wer das Haus als Etappe auf dem Weg zum Strand nimmt, muss halt sehen, wie er sich dort wieder losreißt.

Wer dennoch weiter fährt, wie der pflichtbewusste Kritiker, kommt möglicherweise nach Rügen, wo Peter Knobloch, den ich hier schon gelobt habe, im "Meeresblick" in Göhren weiter an seiner ganz persönlichen Regionalküche feilt. Er hat die besten Produkte weit und breit und verarbeitet sie mit leichter Hand zu schnörkelfreien Köstlichkeiten: Herrliche Suppen, Hirsch und Reh voller Saft und Aroma, mal mit Schwarzwurzeln, mal mit Austernpilzen aus dem Wald, kernigen Boddenzander, saftig gebackenem Dorsch. Selbst die Kartoffeln, winzige "Sieglinde" vom Moorboden im Südwesten der Insel, sind unübertrefflich (Tel.: 038308/5650).

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