Berlin : Ein Jahr früher das Lernen lernen

Jugendpolitiker und Opposition begrüßen den Plan des Senats für ein kostenloses Kitajahr. Besuchspflicht ist nicht vorgesehen

Susanne Vieth-Entus

Auf große Zustimmung ist das Vorhaben der rot-roten Koalition gestoßen, ab 2007 die Elterngebühren im letzten Kitajahr abzuschaffen. Jugendpolitiker, Migrantenverbände und auch die Opposition teilen die Erwartung, dass vor allem sozial Schwache und Migrantenfamilien auf diese Weise dafür gewonnen werden können, ihre Kinder zumindest im letzten Jahr vor der Einschulung den Kindertagesstätten anzuvertrauen.

„Das ist ein großer Schritt in die richtige Richtung“, lobte gestern der Vorsitzende der Föderation türkischer Elternvereine, Ertekin Özcan. Wenn künftig nur noch das Essensgeld von 23 Euro bezahlt werden müsse, falle vielen Familien die Entscheidung leichter, die Kinder in die Kita zu schicken, erwartet Özcan. Angesichts einer Arbeitslosenquote von rund 50 Prozent unter türkischen Familien sei die bisherige Mindestgebühr von 46 Euro auf jeden Fall eine Hürde. Deshalb fordere seine Organisation seit vielen Jahren, alle Kitagebühren und auch das Essensgeld abzuschaffen.

Auch die CDU spendet dem Vorhaben Beifall. „Das ist familienpolitisch zu begrüßen“, sagte gestern Bildungs-Fachmann Gerhard Schmid. Er hielte es allerdings für besser, das Vorschuljahr nicht in der Kita, sondern in der Schule anzusiedeln. Seine Partei erwägt sogar eine Vorklassenpflicht für Kinder, die in ihren Familien vor allem sprachlich nicht ausreichend auf die Schule vorbereitet werden.

„Der Wegfall der Kitagebühren ist ein großer Anreiz für die Familien“, erwartet auch Özcan Mutlu von den Bündnisgrünen. Er hatte die Abschaffung der 10 000 kostenlosen Plätze in Vorklassen unterstützt und gibt jetzt zu, dass dadurch viele Kinder um ihre Frühförderung gebracht werden. Seine Fraktion war es denn auch, die gestern den Antrag ins Parlament einbrachte, im letzten Kitajahr nur noch die Essensgebühr zu erheben. Die Überlegung, die Familie nicht über den finanziellen Anreiz, sondern über eine gesetzliche Vorschulpflicht in die Kitas zu holen, wurde aus verfassungsrechtlichen Gründen verworfen.

Die Diskussion um ein kostenloses Kitajahr war im Frühjahr neu entbrannt. Damals warnte der Neuköllner Volksbildungsstadtrat Thomas Blesing (SPD), dass hunderte Kinder, die nächstes Jahr zur Schule kommen, noch in keiner Kita angemeldet waren. Die SPD beschloss damals auf ihrem Parteitag, die Elternbeiträge im letzten Kitajahr zu streichen. Ein Zeitpunkt wurde aber nicht genannt.

Blesing erinnerte gestern daran, dass es schon mal Zeiten gab, als in Berlin überhaupt keine Kitagebühren bezahlt werden mussten. „Am 1.1.1979 trat diese Regelung in Kraft“, entnahm Blesing gestern den Aufzeichnungen seiner Vorgänger. Damals war der rot-gelbe Senat unter Dietrich Stobbe an der Macht. Kurze Zeit später wurde die großzügige Regelung allerdings wieder kassiert. Sie war zu teuer.

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