Berlin : Ein Juli-Abend im August

Das schwierige zweite Mal: Die Popband um Eva Briegel stellt ihr neues Album vor im Kino International

Michael Lünstroth

Es muss eine schlimme Sekunde gewesen sein für die Musiker der Band „Juli“. Gerade hatten sie im Kino International ihr neues Album „Ein neuer Tag“ vor rund 300 geladenen Gästen vorgestellt, der letzte Ton war verklungen und dann folgte dieser Moment der Stille. Kein Applaus, kein Rascheln, nichts. Man konnte spüren, wie sich die Musiker fast schon in ihren Kinositzen verkriechen wollten. Und dann kam er endlich: der erlösende Applaus. Begleitet von johlenden Begeisterungsrufen. Als das Licht den Kinosaal wieder erleuchtete, sah man überwiegend glückliche Gesichter. Sängerin Eva Briegel und ihre Jungs wirkten sehr erleichtert. Die Präsentation der neuen, zweiten CD von Juli war gelungen.

Einen Tag später, in einem Hotel am Alexanderplatz, sind Juli deutlich gelöster. Der Abend lief gut für sie. Trotz Interviewmarathon und einer langen Nacht im Magnetclub sind die Fünf locker. „Ich hatte es mir gestern furchtbar vorgestellt und fand es dann richtig cool“, sagt Sängerin Eva über die Hörprobe vor Publikum. „Manchmal habe ich gedacht: Jetzt genau die Stelle, hört euch die mal an, die ist total geil“, beschreibt die Sängerin ihre Gefühlswelt des letzten Abends. Gitarrist Simon Triebel gibt zu, dass er ziemlich angespannt war während der Vorführung. Kein Wunder: Ihr erstes Album war ein Riesenerfolg. 700 000 verkaufte Platten, 74 Wochen in den Charts, ausverkaufte Konzerte, zig Auszeichnungen. Danach wieder ins Studio zu gehen, sei nicht so leicht gewesen, sagt Eva. Vor allem wieder Texte zu schreiben, sei am Anfang schwierig gewesen: „Ich saß vor dem weißen Blatt Papier und wusste gar nicht, wo es jetzt hingehen soll“. Anders als noch bei dem ersten Album, fehlten die Themen. „Wir kamen von der Tour zurück – über was willst du da schreiben?“, beschreibt Simon den holpernden Einstieg in den Studioalltag. Wie man morgens aus dem Tourbus aussteigt und wie das Catering geschmeckt hat – darüber könne man keine Songs schreiben. „Deshalb war es wichtig nochmal leben zu können“, sagt Simon. Um sich neu inspirieren zu lassen und auf neue Ideen zu kommen. Also ließen sie sich Zeit. Schließlich sollte mit dem neuen Album auch ein neues Kapitel der Band beginnen. Zu diesem neuen Kapitel gehört die neue Haarfarbe der Frontfrau. Eva Briegel ist jetzt blond. Am Mittwochabend wirkt sie größer als im Fernsehen. Aber das mag auch an ihren goldfarbenen Schuhen mit den sehr hohen Absätzen liegen. Darüber trägt sie Jeans, eine weiße Bluse und eine schwarze Weste. Juli sind stolz auf ihr neues Werk. Neun Monate haben sie daran gefeilt, „jetzt ist das Baby da“ sagt Gitarrenmann Jonas Pfetzing. Auch Tom Bohne von der Plattenfirma der Band ist stolz und sagt, dass sich Juli mit dem neuen Album treu geblieben sei.

Vielleicht hätte es der Musik aber auch gut getan, wenn sie sich wenigstens etwas untreu geworden wären. Es wäre zumindest überraschender gewesen als das, was man am Mittwochabend dann hören konnte. Und sehen. Schließlich hat man sich beim Label Universal gedacht, wenn wir schon eine Premiere im Kino feiern, dann brauchen wir auch einen Film. Der zeigt neben Sängerin Eva beim Autofahren und Mitsingen ihrer Songs vor allem Autobahnstreifen und verschwommene Lichter. Aber es geht ja um die Musik. Mit ihren Texten zwischen Melancholie und Aufbruchstimmung ist die ein bisschen so, als wäre sie der Soundtrack zur prekären Lage der Generation Praktikum, die ständig zwischen Selbstzweifel und Selbstüberschätzung hin- und herpendelt. „Ich wäre nie so vermessen zu sagen, dass wir den Soundtrack einer Generation geschrieben haben“, sagt Jonas, „ aber es ist der Soundtrack unseres Lebens und wir sind ja auch ein Teil dieser Generation.“ Das erkläre vielleicht, weshalb sich viele junge Menschen in ihren Texten wiederfinden. Eva nickt zu den Worten ihres Bandkollegen und fügt an: „In unseren Songs drehen wir uns viel um uns selbst. So ist das Leben da draußen auch: Man muss sich viel mehr mit sich selbst beschäftigen, um rauszufinden, was man wirklich will.“ Vermutlich ist es genau das, was Juli so erfolgreich macht.

Am 13.Oktober erscheint das neue Album, drei Wochen vorher wird die erste Single daraus, „Dieses Leben“, veröffentlicht. Bis dahin rühren sie die Werbetrommel und warten. Warten auf den erlösenden Beifall nach neun Monaten intensiver Arbeit. Der wird kommen.

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