Berlin : Ein Koffer in Berlin

Wenn in der Stadt Gepäckstücke stehen bleiben, dann kommt Roboter Teodor – und eine eingespielte Truppe, die auf hochbrisante Vorfälle vorbereitet ist

Pieke Biermann

Um 10 Uhr 52 laufen die Maßnahmen an. Beamte der Berliner Polizei am Flughafen Tegel „nehmen den Personen- und Fahrzeugverkehr raus“, wie sie es nennen. Sie evakuieren die Fläche vor dem Eingang zu Gate 16/17 und sperren die Zufahrt ab. Die Kollegen von der Bundespolizei räumen inzwischen die Check-in-Schalter von Personal, Passagieren und Angehörigen. Die Flughafenfeuerwehr bezieht Position. Ohne Arzt zwar, aber mit Rettungssanitätern. Polizeihauptkommissar Dirk Brüssel und seine Kollegen von der Flughafenwache füttern die Informations- und Aktionskette mit möglichst präzisen Angaben. Alles, was die vereinigten Sicherheitskräfte ab jetzt tun, ist minutiös standardisiert, seit Jahren eingeübt und so in Fleisch und Blut übergegangen, dass man sich als Einzelner getrost darauf stützen und die eigenen Nerven auf pures Funktionieren konzentrieren kann.

Es herrscht Bombenalarm. Auslöser: „Ein großer schwarzer Stoff-Rollkoffer“, erinnert sich Dirk Brüssel, „auf einem Gepäckwagen hinter dem Pfeiler.“ Die Pfeiler tragen das Gebäude. Es ist Anfang August 2006. Keine zwei Wochen nach dem Fund zweier anderer großer dunkler Rollkoffer, die vollgestopft mit Explosivstoff und Zündvorrichtung in zwei westdeutschen Regionalzügen herumstanden. Bevor das Standardprogramm anläuft, ist ein anderes abgelaufen. Irgendjemand bemerkt irgendwo ein anscheinend herrenloses Gepäckstück – das kommt zurzeit allein auf TXL zwei-, dreimal täglich vor – und sagt Polizisten oder den Securitas-Leuten Bescheid, die im Auftrag der Flughafengesellschaft patrouillieren. Die sehen es sich an: Hängt ein Namensschild dran? Kommt man dran, ohne den Gegenstand zu bewegen? Ist er offen, kann man erkennen, was drin ist? Meistens taucht der Besitzer gleich wieder auf, peinlich berührt oder empört. Wenn nicht, folgen Durchsagen: Der Besitzer möge sich bitte umgehend melden. Damit erledigt sich fast immer auch der Rest. Nur sehr selten steht danach ein Gepäckstück immer noch herrenlos da wie jener Rollkoffer. „Wir haben es hin und wieder, dass Reisende hier in die Taxe steigen, drei Koffer einladen, der vierte bleibt stehen“, sagt Brüssel. Vor der Zeitenwende namens 11. September 2001 hätte man den zum Fundbüro gebracht. Heute muss man mit dem Ernstfall rechnen. „Weiß der Bürger nicht weiter, ruft er seine Polizei, weiß die nicht weiter, ruft sie ihre Spezialisten“, heißt das Prinzip. Es ist vorgeschrieben und dient der Entdramatisierung der Situation, auch wenn das paradox anmutet angesichts des „großen Bestecks“, mit dem die Spezialisten anrücken. Ein ganzer Sprinter voll Hightech etwa. Elektronik für verschiedenste Messungen und Analysen, ein komplettes digitales Röntgenlabor, ein 35 Kilo schwerer Schutzanzug plus Helm; Einstieg nur mit Hilfe. Wer da drinsteckt, sieht aus wie ein martialisch-düsterer Neil Armstrong nach der Mondlandung. Aber er ist geschützt, vorausgesetzt, der Anzug ist aus dem richtigen Material und kein Fake wie der jenes Moskauer Entschärfers, der im Sommer 2003 von einer Handgranate zerfetzt wurde.

Und dann ist da noch Teodor. Sein Name ist eine Synthese aus dem T der Firma Telerob, die ihn zum Weltbestseller entwickelt hat, dem internationalen Kürzel eod (explosive ordnance disposal – Kampfmittelräumdienst, wörtlich: Beseitigung von Explosivgeschütz) und der Endung von Manipulator. Teodor ist ein Roboter auf Panzerketten, fernsteuerbar, mit Greifarm, Kameras und dem Gerät, das die meisten sprengverdächtigen Gegenstände kleinkriegt: dem Wassergewehr. Die Spezialisten für solche Fälle sind die Entschärfer vom „Kompetenzzentrum Kriminaltechnik“ des Landeskriminalamts (LKA). Die KT 62 erledigt die Beseitigung von „unkonventionellen Spreng- und Brandvorrichtungen“ (USBV), zu Lande und – als einzige in allen Länderpolizeien – auch unter Wasser.

Im internationalen Kürzelwesen heißt so was IED (improvised explosive devices) und kommt ursprünglich aus dem Militär. Heute tauschen IED-Spezialisten von Polizei und Militär aus, was sich an Erkenntnissen über den neuesten „state of the art“ gewinnen lässt, und sind auch international vernetzt.

Der Leiter der KT 62, den wir hier nur Micha nennen wollen, und sein handverlesenes Team gehören zu den besonders geschützten Berliner Polizisten, denn sie haben ein besonders gefährliches Gegenüber: Terroristen, organisierte Kriminelle und ausgeklinkte Individuen, die nicht selten mit blindem Hass und ausgewachsener Paranoia im stillen Kellerlein an hochbrisanten Sachen basteln. Wie der Rentner, der im September 2004 mit einer manipulierten Panzermine ins Landessozialgericht marschiert ist. Oder Leute, die Briefbomben an Politiker und Popstars schicken. Oder Jugendliche, die etwas zusammenpütschern, das nüchtern „Selbstlaborate“ heißt. Hauptsache, es fetzt geil. Wozu hat man das Internet mit all den Anleitungen?

Aber zurück zu unserem Koffer auf TXL. Ein Zweierteam der KT 62 ist eine halbe Stunde nach Alarmierung vor Ort und prüft. „Optisch, akustisch und mit technischen Geräten“, erklärt Micha. „Und wenn es keinen Anhalt gibt, dass das Ding ungefährlich ist, dann ist es für uns gefährlich. Und dann gilt das oberste Ziel: Zündkette unterbrechen!“ Jetzt kommt das Wassergewehr zum Zug. Das heißt, ein Präzisionsschuss mit einer verblüffend winzigen Menge Wasser, die aber durch extremen Hochdruck zu Aerosol wird und den Koffer zerreißt, bevor ein eventueller Zündmechanismus funktionieren kann.

Um 12 Uhr 10 laufen die Maßnahmen zur Entwarnung an. Die Leute von der KT 62 ziehen sich zur Auswertung zurück. Sie sind keine Ermittler. Kriminaltechniker – ob sie mit Fingerspuren oder DNA, Stofffasern oder Schriften, IT-Software oder Waffen zu tun haben – sind Sachverständige. Auch deshalb schulen die Entschärfer der KT 62 neben Feuerwehrleuten, Notärzten, Gefängnispersonal, Funkstreifen- und Spezialbeamten auch Kripo-Ermittler. Kurz alle, die auf eine USBV stoßen könnten. Etwa hundert Unterrichtseinheiten kommen jährlich zusammen, zusätzlich zu den Spezialaufgaben an Protokollstrecken für Staatsbesuche und etwa 650 Bomben-Einsätzen.

Oder „Bomben“-Einsätzen, wie meistens. In jenem schwarzen Rollkoffer war nichts als „ein paar Kleidungsstücke und ganz normale Bedarfsartikel“, rekapituliert Dirk Brüssel. Dokumente? Irgendetwas, das auf die Spur des Besitzers führt? „Ein Taschenkalender, scheint irgendwie aus Skandinavien gewesen zu sein. Ausweispapiere haben wir noch nie gefunden. Und bis jetzt hat sich hier zum Glück auch alles als harmlos herausgestellt.“ Eine Stunde, achtzehn Minuten, und dann bloß Fehlalarm – ist das nicht frustrierend? „Nein“, sagt Thorsten Lange, Leiter der Dienstgruppe des Abschnitts 14, in deren Zuständigkeit sowohl der Flughafen als auch die JVA Tegel liegen. Zweimal hatten sie in diesem August die Entschärfer da. Und jeder Einsatz trainiert. „Obwohl wir hier sowieso lauter erfahrene Mitarbeiter haben, wie die Bundespolizei auch.“ Keiner von ihnen würde „mal ’ne Rüttelprobe“ an einem fremden Koffer machen. Es könnte immer seine letzte Amtshandlung sein. So, wie ganz schnell ein Fuß weg sein kann, wenn man in der Bastelstube eines „Bomben-Freaks“ in Pulver tritt, das sich auf dem Teppichboden verteilt hat. Gerade bei Hobby-Bombern muss man damit rechnen, dass sie explosives Zeug verschütten, das sich an der Luft chemisch verändert und bei leisester Berührung hochgeht.

„Funkstreifen- und Feuerwehrleute sind viel gefährdeter als wir“, sagt Micha. Deshalb heißt Regel Nr. 1: nichts anfassen, nichts verlagern, Abstand halten. „Für uns gibt’s keine Fehlalarme!“ Sie arbeiten auch unaufgeregt die Alarm-Wellen ab, die nach jedem Anschlag, der durch die Medien geht, erst mal hochschlagen. Nach der entschärften Kofferbombe im Dresdner Hauptbahnhof im September 2004 „hatten wir in vier Wochen neunzehn Einsätze allein in Berlin“. 38 waren es gleich nach 9/11, und auch zurzeit geht die Welle wieder hoch. Für Micha ganz normal. „Ja, unsere Bevölkerung ist sensibel, und das ist eine gute Sache. Da hat jemand ein ernsthaftes Problem, das gehen wir an. ,Spaßmacher‘, die Verwirrung stiften wollen, sind äußerst selten.“

Selten, aber es gibt sie. Bei Leuten, die mal eine Tüte im U-Bahnhof „stehen lassen“, womöglich mit Wecker und raushängenden Drähten, ist Schluss mit lustig. Da verstehen gerade Polizisten überhaupt keinen Spaß.

Da wird auch Geld zweitrangig, obwohl jeder einzelne Einsatz einen vierstelligen Euro-Betrag kostet, vermutet Oliver Tölle, der Justiziar der Berliner Polizei, und zählt auf, was viel teurer oder unbezahlbar ist. „Die Risiken, die durch Fahrten mit Eile entstehen. Die Folgen für die Bevölkerung – ganze Bahnhöfe müssen gesperrt werden, es gibt Geschubse, Kinder gehen verloren, Paniken, Traumatisierungen, und, mein Gott, wenn da einer ein bisschen schwach am Herzen ist, kann das für den Täter böseste Folgen haben!“

Unmittelbar wird Ruhe da zur „ersten Bürgerpflicht“ für alle. „Man sollte die Neugier zügeln“, wünscht sich Dirk Bürger, „und die Maßnahmen der Polizei unterstützen, indem man weit weg bleibt.“ Mittelbar dagegen ist alle Härte angesagt, die das Strafgesetzbuch hergibt, nämlich wenn sich zeigt, dass jemand die ganze Maschinerie losgetreten hat, bloß weil er mal sehen will, „wie schnell die Bullen da sind“. § 145d bedroht jemanden, der wider besseres Wissen eine Straftat wie Bombenexplosionen vortäuscht, mit Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren. Dasselbe Strafmaß sieht §126 für die „Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten“ vor. Ebenso strafbar ist deren Vortäuschung. Und dass Richter beim Strafmaß kleinlich sind, ist nicht sehr wahrscheinlich in diesen „bombigen Zeiten“ . „Wir sind alle Menschen, jeder kann mal seinen Koffer vergessen“, sagt Tölle, „es ist für die ,Spaßvögel‘ gedacht, und die kann man gut herausfinden.“

Und umgekehrt? Kann jemand, der sein Gepäck einfach vergessen hat und zerschreddert wiedersieht, Geld verlangen? „Versuchen kann er’s natürlich, aber das Polizeirecht gewährt Schadenersatz nur unter Billigkeitsaspekt. Man muss dann gucken, wer die Gefahrenlage gesetzt hat, und das ist, auch ohne Vorsatz, der Besitzer.“

Es sind eben andere Zeiten als 1951, in denen man „noch ein Koffer in Berlin“ hatte, symbolisch und als Liebeserklärung an die Stadt. Heute hat man seinen Koffer im Auge oder einen Haufen Ärger am Hals. Nicht nur in Berlin.

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