Berlin : Ein Leben für das Kino - Der immerwährende Traum von den Komet Lichtspielen

Julia Rehder

Gerda Selleng schnupperte mit 23 Jahren Kinoluft und wurde süchtig. Inzwischen ist die Filmvorführerin und Pächterin des Filmtheaters in der Friedrichstraße fast 80 Jahre alt. Von dem Konkurrenzkampf im Berliner Kinogeschäft lässt sie sich aber nicht die Laune verderben. Ihre Stimme ist freundlich und engagiert. Wenn es nach Gerda Selleng ginge, würde sie jeden Kinobesucher einzeln begrüßen und mit dem ein oder anderen ein Schwätzchen abhalten. Was nicht heißt, dass sie sich anbiedert. Ihre lebensfrohe Ausstrahlung weckt auch beim Gegenüber Neugier.

Kürzlich kam eine Kundin wieder, um ihre verlorene Kontaktlinse im Kinosaal zu suchen. Gerda Selleng reagierte mit Besen und Taschenlampe und war hoch erfreut, als das Unwahrscheinliche wahr wurde: Zwischen Popcorn und Colabechern hatte die junge Frau die winzige Seehilfe erspäht. Freundlichkeit gehört für die grauhaarige Frau eben genauso zum Geschäft wie stabile, niedrige Preise. "Sonst geht man im Berliner Konkurrenzkampf unter."

Gerda Selleng lässt sich von dem harten Kampf um die Gunst der Kinogänger allerdings nicht einschüchtern. Mit 23 Jahren hat sie als Aushilfskraft die erste Kinoluft geschnuppert und gespürt, dass sie im Kino mehr zu Hause ist als irgendwo anders. Nun ist sie fast 80 Jahre alt, hat inzwischen gut 12 000 Filme gesehen - wenn auch meist nur den Anfang und den Schluss - und ist immer noch hinter den Filmrollen her. Über ihr Alter spricht sie nur ungern, denn sie befürchtet, dass die Leute sie sonst schonen und ihr alle Arbeit abnehmen wollen.

Die Komet Lichtspiele am Arnswalder Platz in Friedrichshain waren ihre erste große Liebe. Als Kind spielte sie am Stierbrunnen ganz in der Nähe und besuchte später einige Vorstellungen. Ihr Vater teilte ihre Leidenschaft zum Kino nicht und war nur zu froh, dass seine Tochter zunächst eine Lehre als Dekorateurin abschloss. 1938 lernte sie beim Tanztee im Tiergarten einen Musiker kennen, der bald darauf ihr Mann werden sollte. "Ein Glück, dass ich geheiratet habe, sonst wäre ich eingezogen worden", denkt Gerda Selleng pragmatisch zurück. Als ihr Mann am Ende des Krieges als müder und arbeitsloser Soldat wieder nach Hause kam, schlug sie ihm vor, die inzwischen zerstörten Komet Lichtspiele wieder aufzubauen. Doch er zog es vor, in der Gaststätte seines Vaters auszuhelfen, Gerda Selleng reichte die Scheidung ein. Von nun an ließ sie sich von ihrem Kinotraum durch nichts und niemanden mehr abbringen. Zwar schaffte sie es nicht, die Komet Lichtspiele aus eigener Tasche wieder aufzubauen, doch besorgte sie sich in verschiedenen anderen Berliner Kinos Arbeit und wuchs nach und nach in ihren Traumjob hinein. Bereits während des Krieges hatte sie einen Vorführschein gemacht. Nun verdiente sie in diversen Lichtspielhäusern ihr Brot. Bald war sie Theaterleiterin im Rollkrug, im Maxim, im Atlas und in der Passage.

Später arbeitete sie in einem kleinen Verleih in der Lietzenburger Straße und pflegte auch den Kontakt zur DEFA. So riss für sie die Verbindung zur DDR nie ab, auch wenn sie längst nicht mehr im Ostteil der Stadt lebte. Heute versteht sich die in Lichtenberg geborene Frau auch weder als Ossi noch als Wessi. "Ich bin Berlinerin", sagt sie.

Mit ihrer eigenen Filmagentur Gerda Selleng, die inzwischen seit 22 Jahren besteht, ist sie seit Sommer vergangenen Jahres Pächterin des Filmtheaters an der Friedrichstraße. Zwar läuft noch nicht alles so, wie sie es sich vorstellt, aber Aufgeben war noch nie ihre Art. Bis zum Sommer möchte sie wieder schwarze Zahlen schreiben. Ein halbes Jahr war das Kino im Haus der russischen Wissenschaft und Kultur schließlich geschlossen, die Stammkundschaft müsse erst wieder aufgebaut werden. Den Traum vom eigenen Kino hat sie noch nicht aufgegeben. Den Namen trägt sie schließlich schon lange in ihrem Herzen. "Komet Lichtspiele soll es heißen", sagt sie. "Damit alles da aufhört, wo es angefangen hat."

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