Berlin : „Ein mulmiges Gefühl“

Im Kiez des Posträubers: Beunruhigte Anwohner und geschäftige Polizisten

Tanja Buntrock

Die Schilder, die an den Holzzäunen der Kleingartenkolonie Roedernallee angebracht sind, weisen fremde Besucher bereits am Eingang darauf hin, worauf es hier ankommt: „Von 13 bis 15 Uhr bitte Ruhe halten“. Und außerdem: „Achtung, pflichtbewusster Hund!“ Doch seit Freitag ist es in der Reinickendorfer Schrebergartenwelt vorbei mit der Ruhe und der pflichtbewusste Hund wird möglicherweise auch nicht viel helfen, wenn es um einen hochgefährlichen Schwerverbrecher geht, der hier gesucht wird.

Das weiße Laubenpieperhaus an der Ecke Akazienweg, für das sich die Polizei seit Freitag so interessiert, gehört Bernd Fredi Mersiowsky. Der 54-Jährige soll einer der Täter sein, die am vorigen Montag den Geldboten Gerhard W. bei einem Raubüberfall vor einer Reinickendorfer Postbank getötet haben. Nachdem die Polizei bereits am Freitagmorgen mit einem Spezialeinsatzkommando (SEK) in seine Reinickendorfer Wohnung eingerückt war und ihn nicht gefunden hatte, nahmen sich die Ermittler am Freitagabend seine Laube vor. Doch die war leer. Bis gestern Vormittag sicherten Beamte in dem kleinen weißen Häuschen und auf dem Grundstück Spuren.

„Es war laut hier. Die haben das obere Fenster kaputt gemacht und sind dort eingestiegen“, schildert ein Laubengartennachbar, der den SEK-Einsatz mitbekommen hat. Das Fenster ist jetzt mit einer Sperrholzplatte versehen. „Die Beamten haben alles durchsucht, auch den Schuppen. Sogar im Garten haben sie gegraben“, erzählt der Nachbar.

Die Fahnder waren Mersiowsky auf die Spur gekommen, weil er beim Schusswechsel mit dem Geldboten getroffen worden war und Blut verloren hatte. Mit Hilfe des DNA-Abgleichs wussten die Ermittler dann, mit wem sie es zu tun hatten: Im Januar 1993 hatte Mersiowsky dem Chef einer Woolworth-Filiale in der Residenzstraße aus nächster Nähe in den Kopf geschossen. Das Opfer überlebte schwer verletzt. Zehn Jahre saß Mersiowsky deshalb im Gefängnis. Eigentlich war er zu zwölf Jahren verurteilt worden: Wegen des Schusses an die Schläfe des Woolworth-Filialleiters und der Schüsse auf die Ladendetektive vor dem Geschäft. Doch Mersiowsky ging in Revision. Der Bundesgerichtshof hob die Strafe auf. Am Ende musste der Täter nur noch zehn Jahre verbüßen. Knasterfahrung hatte er bereits: 1989 saß Mersiowsky für zwei Jahre und neun Monate, weil bei ihm 71 Gramm Heroin gefunden worden waren.

Die Fahnder stufen ihn als äußerst gefährlich ein. „Man hat schon ein mulmiges Gefühl“, sagt die Nachbarin schräg gegenüber seiner Laube. Doch sie kenne ihn kaum. „Der ist erst seit dem Sommer hier. Ab und zu haben wir ihn beim Grillen gesehen“, erzählt sie. Manchmal war er auch mit einer Frau und zwei Mädchen im schulpflichtigen Alter da.

Während die Spurensicherung in der Gartenkolonie zusammenpackt, bewachen Zivilfahnder Mersiowskys Wohnung in der Graf-Haeseler-Straße. Könnte ja sein, dass der gesuchte Täter doch noch irgendwann seine Wohnung in dem Seitenflügel des gelben Altbaus aufsucht.

Und dann wird es auch kurzzeitig am frühen Nachmittag unruhig in der Straße: Ein kleiner Mann mit Glatze – ohne Schnauzbart – wird von Zivilfahndern umringt. Doch es ist nicht der Gesuchte, sondern nur ein ähnlich aussehender Mann, der jemanden im Vorderhaus besuchen will.

Mersiowskys Schwester wohnt nur wenige hundert Meter von seiner Wohnung entfernt in einer angrenzenden Straße. Die Ermittler haben auch ihr bereits einen Besuch abgestattet. Doch wie es hieß, soll sie ihn bereits seit einigen Monaten nicht mehr gesehen haben. Die Suche geht weiter. Tanja Buntrock

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