Berlin : Ein Musiksender, ein Masterplan, ein modernes Märchen

Nahe der Oberbaumbrücke wird in Friedrichshain für den MTV-Umzug geklotzt – und für ein neues Stadtviertel

Björn Seeling

Eine Vermieterin, die wie eine gute Fee jeden Wunsch erfüllt, ein Behördenapparat, der schnurrt wie Rumpelstilzchens Spinnrad, eine Handwerkertruppe, die ranklotzt wie die sieben Zwerge – manchmal werden Märchen wahr. Derzeit ist das im Osthafen nahe der Oberbaumbrücke zu sehen, wo für den Musiksender MTV ein Hauptquartier entsteht. Ab April kommt die frische Videoware für Deutschland, Österreich und die Schweiz aus einem umgebauten Lagergebäude an der Stralauer Allee in Friedrichshain. Die städtische Hafengesellschaft Behala, die Vermieterin, will dem Musiksender alles recht machen. Schließlich hat der Umzug von 115 Mitarbeitern aus München und London Priorität für Berlins Stadtobere. Da wird der Keller des Hauses aufwändig trockengelegt, weil der Sender Archiv- und Schneideräume einrichten will. Da gibt es heikle Umbauten an der Statik, damit je ein vier und sechs Meter hohes Studio hineinpassen. Da besorgt die Behala einen zweiten Trafo für die Stromversorgung, weil die Ingenieure, die MTV aus England mitgebracht hat, darauf bestehen. Außerdem will der Sender schon heute 450 Quadratmeter Bürofläche herrichten lassen, nicht erst nach dem Einzug.

Doch trotz der Mühen wächst der Termindruck. Zwei Monate sind die Arbeiten im Rückstand, weil ein Streit um die in aller Eile vergebenen Bauaufträge entbrannte. Erst als alles rechtlich geklärt war, konnte es losgehen. Nun wird teilweise in zwei Schichten gearbeitet. Und die Firmen versprechen: „Zum 1. April kann MTV kommen.“ Aber das Wetter muss mitspielen. Denn ein Wintereinbruch fehlte gerade noch, schließlich ist das Dach noch nicht gedeckt, und in den Mauern gähnen leere Fensterhöhlen. „Ein Glück, dass wir keinen Frost wie im vorigen Jahr haben“, freut sich deswegen Behala-Geschäftsführer Horst Schuberth, für den das Projekt MTV Chefsache ist. Er muss aufs Geld achten: 9,6 Millionen Euro hat er für das MTV-Quartier eingeplant. Um rund 130 000 Euro ist der Etat schon überzogen. Aber nicht wegen der Sonderwünsche von MTV („Das wird mit der Miete verrechnet.“), sondern wegen der Doppelschichten und wegen der gestiegenen Baukosten durch den Acht-Wochen-Stopp („Die Firmen hatten inzwischen die Preise hochgetrieben“). Apropos Miete. Wie hoch ist die denn für MTV? Schließlich wurde gemunkelt, dass moderate Forderungen den Sender mit zum Umzug bewogen haben. Der Behala-Chef gibt sich sibyllinisch: „Ich will nur so viel sagen: Der Sender zahlt Miete.“

Viel mehr zu erzählen gibt es dafür über die Nachbarschaft von MTV. Denn der vor fast genau 90 Jahren eröffnete Osthafen wird bald keiner mehr sein. Auf dem Gelände soll ein neues Viertel entstehen. Flanieren am Spreeufer, dinieren in einem der Restaurants an der Uferpromenade und residieren in einem der fünf- bis sechsgeschossigen Wohn- und Bürohäuser: Das soll eines Tages hier möglich sein, wenn der Masterplan für den 1,2 Kilometer langen und bis zu 80 Meter breiten Uferstreifen verwirklicht wird. Dieser Plan, der in fast einjähriger Arbeit vom Berliner Architektenbüro „nps tchoban voss“ erstellt wurde, legt die allgemeine Gestaltung des Geländes zwischen Oberbaum- und Elsenbrücke fest, nicht aber die der einzelnen Gebäude. Höhepunkt im Wortsinne könnte ein 110-Meter-Hochhaus sein, das die Architekten und das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg genau gegenüber dem Turm der Allianz-Versicherung sehen möchten. So entstünde eine Art Tor. „Das gäbe das Signal: Hier beginnt die Kernstadt Berlins“, sagt Bezirksbaustadtrat Franz Schulz (Bündnis 90/ Grüne). Aber wie es so häufig bei Zukunftsmusik ist: Noch fehlen die Noten, in diesem Fall Banknoten. Bislang gibt es nur einen Interessenten, der einen kleineren Wohnblock errichten will.

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