Berlin : Ein netter Retter

Jürgen Chrobog, Befreier der Sahara-Geiseln, ist jetzt Schirmherr eines Damen-Klubs. Der Staatssekretär will den Frauen ausländischer Diplomaten das Einleben erleichtern

Christine-Felice Röhrs

Frauen wollen keinen starken Kerl. Sie wollen einen netten Kerl. Der kann dann ruhig klein sein, mit grauem Haar und Brille und einem Anzug, der ein bisschen zu groß wirkt. Er kann sein wie Jürgen Chrobog, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, 63 Jahre alt und gerade bekannt geworden als Retter der 14 entführten Sahara-Touristen. Jürgen Chrobog nämlich bringt 350 Frauen auf einmal zum Lächeln. Wie?

Dienstagmittag, Auswärtiges Amt. Empfang von „Willkommen in Berlin“, jenes Klubs für die Frauen der Diplomaten, der ihnen die deutsche Hauptstadt näher bringen möchte. An Dutzenden Aktivitäten können die Mitglieder teilnehmen: an Vorträgen, Opernbesuchen, Porzellanmalkursen oder Shoppingtouren. Und Chrobog ist gerade Schirmherr geworden – als allererster Mann.

Ein Glücksgriff sei er, sagt Sprecherin Christa Moerstedt-Jauer. Und wie freundlich, dass sich ein schwer beschäftigter Top-Diplomat auch noch dieses Ehrenamtes annehme! Eines Amtes zumal, an dem in den vergangenen Jahren das Pech zu kleben schien: Denn der Tradition nach hätte eigentlich die Außenminister-Gattin Schirmherrin sein sollen – „was mit Herrn Fischer aber leider nicht zu machen war“, sagt Frau Moerstedt-Jauer (und lässt diplomatisch ungesagt, dass dessen Ex-Ehefrau als Ehefrau ja selten auffiel). Dafür trat also zunächst die Frau des Staatssekretärs Ludger Volmer an – und wieder ab, als die Ehe scheiterte. Dann fand sich niemand mehr, für eine Weile. Und jetzt Chrobog.

Er wisse einfach, wie schwer es für die Angehörigen manchmal sei, in einer neuen Kultur zurecht zu kommen, wird Chrobog später sagen, an einem sorgfältig ausgeguckten Stehtischchen („Lassen Sie uns mal da hingehen, wo’s noch Kekse gibt, ja?“). „Meine Frau ist Ägypterin“, sagt er dort, „und sie hat mir mal gesagt, dass Deutschland nicht das wärmste Land der Welt ist, es hat ihr schon manchmal Herzlichkeit gefehlt. “ Zurzeit lebt Chrobogs Frau noch in den USA, wo die drei Söhne studieren und wo Chrobog lange Botschafter war. Doch, er kann sich einfühlen in die Wirren des diplomatischen Familienlebens.

Es gab keine Interviews mit ihm, nachdem die Geiseln wohlbehalten wieder in Deutschland waren. Stattdessen war er, der seinen Urlaub seit Mai vor sich hergeschoben hatte, für eine Woche zur Familie gefahren und hat sich dann wieder in seine Abteilung III gestürzt, als deren Chef er zuständig ist für Afrika, den Nahen Osten, Asien und Lateinamerika. Die Realität hat ihn wieder. Gerade sind Deutsche in Kolumbien entführt worden, während noch Briefe eintrudeln von Sahara-Geiseln, die sich bedanken. Sogar für ihn, der schon wieder, etwa zum 40. Mal, in einem Krisenstab sitzt, sei dieser Einsatz ein besonderer gewesen, sagt er (während die Finger beständig über dem Keksteller schweben). „Es ist selten, dass man mal einen Erfolg sieht, als Diplomat. Beziehungen verbessern, das kann man ja nicht sehen“, sagt er. Aber Geiseln gesund nach Hause holen… Chrobog ist keiner, der viel redet über die Ängste, die er ausgestanden hat. „Es hat mich stark belastet“, sagt er trocken, „vor allem, als es zwischendurch auf Messers Schneide stand. Wir hatten es ja mit Verbrechern zu tun, mit Menschen, die getötet hatten. Manchmal war mir schon unheimlich.“ Und dann lächelt er schon wieder.

Als er am Dienstag aufs Podium tritt, kommt er aus einer Beratung, in der es um deutsche Truppen in Afghanistan geht. Er breitet die Arme aus und sagt mit Lachfältchen um die Augen: „Es macht viel mehr Spaß, jetzt hier zu sein.“ Das ist der Zeitpunkt, wo sie alle lächeln, die Damen. Chrobog hat die Gabe, Sätze, die bei anderen Floskeln sind, wahrhaftig klingen zu lassen. Und übrigens: Seinen Keks schnappt er sich dann doch erst nach dem letzten Satz. Es ist doch unhöflich, mit vollem Mund zu sprechen.

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