Berlin : Ein Platz zum Bauklötze staunen

Am Anfang der Arbeiten standen Zahlen – ihre Magie begleitet den Ort bis heute

Lothar Heinke

Die Magie der Zahlen: Was können wir uns unter einem Erdaushub von 2,3 Millionen Tonnen vorstellen? Wo ist der Sand eigentlich geblieben? Und wie lang ist die Schlange der Kipper, die diese Menge aus der Stadt befördert haben? Reicht sie bis Paris? Oder bis zum Mond? Ist ja eigentlich auch egal. In die Löcher, die da durch den Erdaushub auf dem Potsdamer Platz gerissen wurden, flossen im Laufe der Jahre zwischen Grundsteinlegung (Oktober 1994) und Richtfest (zwei Jahre später) 549 000 Kubikmeter Beton. Mit diesen Mengen wurde eine Bruttogeschossfläche von 550 000 Quadratmetern gefüllt, davon sind 340 000 ober- und 210 000 unterirdisch. Die reinen Baukosten werden mit 1,35 Milliarden Euro angegeben, das komplette Investitionsvolumen beträgt zwei Milliarden Euro.

Aber diese Summe, die sich die Daimler Chrysler AG für den Potsdamer Platz kosten ließ, wurde wahrscheinlich erst ganz am Schluss zusammengerechnet. Vorher, mitten im Baugeschehen, als Elite-Architekten und Bauarbeiter aus ganz Europa mit ihren Plänen und mit ihren Baggern das ganze Areal rund um das Huth-Haus aufwühlten, standen wir auf der Plattform der Infobox und staunten Bauklötzer. Von der roten Kiste, die im Oktober 1995 eröffnet worden war, blickten wir auf vier Bauseen mitten in der Stadt.

Für den Erdaushub wurde ein Schwimmbagger („Aquadigger“) eingesetzt, acht Tonnen schwer und 1350 PS stark gräbt der computergesteuert auf einer Fläche von 22 000 Quadratmetern die 19 Meter tiefe Baugrube. Bis zu 80 Bautaucher sind in den Bauseen im Einsatz – sie kontrollieren die Einbringung der 2000 Auftriebsanker für die Unterwasserbetonsohle. Im Juni 1996 können dann zweieinhalb Wochen lang unvorstellbare 280 Millionen Liter Wasser aus der Baugrube abgepumpt werden.

Heute werden die großen Zahlen von den Besuchern geliefert. 100000 drängeln sich an guten Tagen durch die Gassen und die Arkaden; Marktforscher haben errechnet, dass sich die Zahl der Besucher an Wochentagen zu 60 Prozent aus Berlinern zusammensetzt, am Wochenende steigt der Anteil der Touristen heftig an. Unzählig sind die Drehgenehmigungen für Film- und Fernsehcrews, die in den letzten fünf Jahren erteilt wurden: Die Skyline und das Flair der neuen Kleinstadt in der Stadt sind foto- und telegen wie kaum ein anderes Stück des neuen Berlin, vielleicht noch die Friedrichstraße oder der Pariser Platz.

Zahlenmagie? Erst zwei, dann vier – nun schwimmen unzählige Fische im ökologisch reinen Daimler-See, ausgesetzt von Zierfischfreunden: hunderte Goldfischli aller Größen, zwei Hechtpaare, Karpfen, sogar ein Flusskrebs ist dabei, und nun sichtete man sogar einen weißen Koi, und niemand weiß, wie der dort hinkommt – in Japan kostet solch seltener Zierfisch 40 000 Dollar! Daimler Chrysler freut sich übrigens über jede Art Zuwachs. Dass freilich eines Tages ein Trupp Angler auftauchte, amüsierte den Auto-Konzern weniger . . .

Zum Schluss des Zahlensalats erzählt uns Pressechefin Ute Wüest von Vollberg, die das ganze Projekt übrigens vom ersten Tage an hilfreich und sachkundig begleitet, die schönste Episode, die sich auf dem neuen Potsdamer Platz abgespielt hat. Es ist die Geschichte einer phantasievollen Liebe zwischen einem jungen Mann, der seiner Geliebten das Jawort zu ewig währender Zweisamkeit abringen wollte. Daimler machte mit, stellte Champagner kalt, organisierte Rosen – und dies alles extra für den Rosenkavalier nach 20 Uhr auf der Panorama-Aussichtsplattform vom Kollhoff-Gebäude, 96 Meter über Berlin. Hier geschah es. Die Dame hauchte ihr „Ja“. Was hätte sie auch sonst tun sollen?

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