Ein Tag im Wartesaal : "I survived Bürgeramt"

Der Klassiker unter den Grenzerfahrungen: der Bürgeramt-Besuch, ohne vorher einen Termin gemacht zu haben. Besonders im Wedding ist das immer wieder ein Highlight. Unsere Autorin hat einen Tag mit unzähligen Leidensgefährten im Wartezustand verbracht - und ihre Erlebnisse für den Wedding-Blog aufgeschrieben.

Henriette Kaufel
"Meine Nummer! Ich wusste, dass es nun kein Zurück mehr gab."
"Meine Nummer! Ich wusste, dass es nun kein Zurück mehr gab."Foto: Imago

Ich musste zum Bürgeramt.

Ohne Termin.

Normalerweise ging ich immer zu meinem Lieblingsbürgeramt in Kreuzberg. Allerdings hatte ich ja nun schon vor Jahren den Bezirk gewechselt und wollte dem Wedding zumindest eine Chance geben.

Der Schatten des Finanzamtes und ein laues Lüftchen spendeten wohltuende Erfrischung, und so stieg ich frohgemut die Stufen zum Bürgeramt hinauf und lief dabei Slalom zwischen Menschen, die aus dem Amt hinaus krochen und die Erde küssten.

Ich wunderte mich, ging aber mutig und festen Schrittes weiter und nach kurzer Orientierungsphase konnte ich am Ende des Raumes, von vielen Menschen verdeckt, das Schild “Information” lesen. Ich stellte mich an das Ende der Menschenschlange und ließ die Räumlichkeiten auf mich wirken.

Eine quadratische Halle in einem gräulich schimmernden Weiß, von denen an den Längsseiten jeweils vier Türen abgingen, auf denen in großen Lettern “KEINE INFORMATION” geschrieben stand. Keine Fenster, aber etwas Oberlicht, in der Mitte ein paar fest montierte rote Metallbänke, die an die Sitze auf den U-Bahnhöfen erinnerten, und zwei Monitore. Einer davon war mit einer Fehlermeldung versehen, auf dem anderen konnte man mysteriöse Zahlen und Symbole sehen.

"Pssst... willst du Nummer kaufen?"

Ich konnte den Raum etwa eine halbe Stunde auf mich wirken lassen und Menschen betrachten. Viele standen vor und hinter mir, andere saßen und begutachteten die Neulinge kritisch. Manche glotzten mich auch mit unverhohlenem Mitleid an.

Ein Mann ging an den Wartenden vorüber und bot Getränke und Essen zum Kauf an. Ein anderer flüsterte “Ey… pssst… willst du eine Nummer kaufen?” Aber ich war ja kein Anfänger, ich wusste ganz genau, dass diese Nummern mit Filzstift auf einen Zettel gekrakelt waren und man, wenn man einen dieser überteuerten Zettel erstand, dazu verdammt war, bis in alle Ewigkeit im Amt zu bleiben.

Endlich stand ich vor der Tür mit der Aufschrift “HIER INFORMATION” und ein Gong ertönte. Ich atmete tief durch und betrat das Zimmer. Meine Augen mussten sich kurz an das Halbdunkel gewöhnen, dann aber sah ich eine Frau, die mir zuwinkte.

“Was ist euer Begehr?”, krächzte sie, und mutig antwortete ich: “Eine Nummer!”

“Erkläre Dich”, flüsterte sie herausfordernd und ihre Augen blitzten. Ich erklärte meine Not, gewann ein Schnick-Schnack-Schnuck-Duell gegen sie und trat mit einem Zettel in der Hand wieder in die Halle.

Gab es überhaupt noch eine andere Welt?

Man begrüßte mich freudig, und jetzt war auch ich in der Lage die stehenden Menschen zu begutachten und mich mit den bereits Sitzenden anzufreunden. Da keine Zeitungen auslagen, besprachen wir stattdessen die neuesten Jogginghosentrends und berieten, wo es den besten Ayran zu kaufen gibt. Nach einer weiteren Stunde hatte ich so eine recht adäquate Ersatzfamilie gefunden und konnte mir ein Leben außerhalb dieser Hallen gar nicht mehr vorstellen, ja, ich begann bereits zu vergessen, dass es überhaupt eine andere Welt gab.

Erinnert daran wurden wir nur, wenn auf dem Monitor zufällig eine Nummer stand, die wohl wirklich jemandem gehörte, der aufjubelnd aus dem Raum ging. Wir anderen teilten derzeit Stifte und Wasser und kürten die ersten drei Gewinner einer selbst organisierten Modenschau in den Kategorien “Lässigste Jogginghose” und “Schönste Gelfrisur” – die Kategorie “Authentischster Weddinggeruch” konnte nicht gekrönt werden, da die Schiedsrichter ohnmächtig auf dem Boden lagen.

Gerade hatten wir eine neue Spielgruppe für die vielen weinenden Kleinkinder gegründet und erneut darüber diskutiert, was wir mit den bereits skelettierten Wartenden (die auch im Tod noch verkrampft ihre Wartenummer festhielten), als meine Nummer auf dem Monitor stand.

MEINE NUMMER.

Ich wusste, dass es nun kein Zurück mehr gab. Mit Tränen in den Augen verabschiedete ich mich von den lieb gewonnenen Menschen um mich herum, man gab mir Brot und Wasser mit, und ich ging in eines der Zimmer mit der Aufschrift “KEINE INFORMATION”.

Autorin Henriette Kaufel, geboren 1986 in Berlin, schreibt für den Wedding-Blog des Tagesspiegels.
Autorin Henriette Kaufel, geboren 1986 in Berlin, schreibt für den Wedding-Blog des Tagesspiegels.Foto: privat

Kühle Luft umfing mich, ich hörte das beruhigende Plätschern eines Zimmerspringbrunnens und ließ mich auf den mir zugewiesenen bequemen Sessel nieder. Eine feenhafte Gestalt salbte meine Ohren mit ihren verführerischen Wünschen, und ich wusste, ich hatte das große Los gezogen, hatte ich doch von anderen Geschichten gehört, dass schreckliche Hexen und boshafte Drachen in den Räumen zu finden waren.

Aber die Fee erfüllte im Handumdrehen meine Wünsche und schlug sogar mein vorschnell huldvolles Angebot aus, ihr mein Erstgeborenes zu schenken.

Stolz hatte ich meinen neuen Identitätsnachweis in der Hand und es zog mich nach draußen, zurück in die andere Welt. Ich wusste wieder, wo ich herkam und würdigte die armen Gestalten auf den Bänken keines Blickes mehr, so schnell rannte ich den Ausgangsschildern nach.

Kurz vor dem Hinaustreten wurde ich nochmals aufgehalten von einem liebevoll dreinblickenden alten Herren, der mir ein T-Shirt in die Hand gab, und beim Hinausschreiten in die wirkliche Welt las ich, was in großen Buchstaben darauf stand:

I SURVIVED BÜRGERAMT.

Die Autorin: Henriette Kaufel wurde 1986 in Berlin geboren, wuchs in Wilmersdorf auf und erklärte nach acht Jahren in Kreuzberg schließlich den Wedding zum Heimatkiez. Sie stromert gerne durch die verschiedenen Kieze in Berlin und genießt professionell das gute Leben.

Themenschwerpunkt: Umziehen nach Berlin

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