Berlin : Ein zweites Chicago – oder ein deutsches Oxford?

Auf dem „Berlin-Gipfel“ im Plenarsaal des Abgeordnetenhauses wurde über die deutsche Hauptstadt diskutiert

Ulrich Zawatka-Gerlach

Wie ist Berlin? „Brutal und geistreich“, sagte der ungarische Literatur-Nobelpreisträger Imre Kertész. „Großartig und großspurig, manchmal bis zur Lächerlichkeit“, merkte der Züricher Kunstsammler Friedrich-Christian Flick an. „Jung, ohne Hinterland, schwer tragend an einer bösen Vergangenheit“, charakterisierte Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker die deutsche Hauptstadt. Um es gleich vorweg zu nehmen: Der „Berlin-Gipfel“ der Werkstatt Deutschland e.V. lieferte keine eindeutige Antwort.

Viereinhalb Stunden sprachen prominente Referenten gestern im Plenarsaal des Abgeordnetenhauses über Berlin. Und wie es auf Gipfeln so üblich ist, wurde rundherum in die Ferne geschaut. Bei nebliger Sicht. Was ist Berlin? Ein „Frühwarnsystem für die Republik“ (Wirtschaftssenator Harald Wolf) oder eine Stadt, „in der die Musik wieder spielt“ (Unternehmer Reinhold Würth aus Künzelsau)? Ist Berlin ein Ort, „wo die Talente wie Staubsauger angesogen werden“ (CDU-Landeschef Christoph Stölzl) oder eher „wie Chicago: hart, hemdsärmelig, voller Emigranten und immer im Werden“ (Ex-Botschafter der USA, John C. Kornblum)?

Franziska Augstein von der Süddeutschen Zeitung vermisste den alten Potsdamer Platz, die Brache mit dem Polenmarkt vor dem Mauerfall, und der stellvertretende Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt ärgerte sich über den „saft- und kraftlosen Fatalismus“ in Berlin. Edzard Reuter, Berliner Ehrenbürger, sprach gar von einer „nur geduldeten Hauptstadt“, deren einzige Chance es sei, Experimentierfeld für Neues zu werden.

Sie alle trafen auf ein aufmerksames Publikum. Der Saal war voll und die meisten Gäste harrten aus bis zum Schluss. Sie hörten sich auch originelle Vorschläge an, ohne sich lustig zu machen. Nur als der Wirtschaftsmann Würth, versehen mit der beträchtlichen Erfahrung von 4000 Flugstunden „in command“, den Bau des Großflughafens Schönefeld als Irrsinn anprangerte und für den Ausbau von Tempelhof warb, ging ein erstauntes Raunen durch die Reihen.

Dann, in den letzten eineinhalb Stunden, schlug die Stunde der Ökonomen und Wissenschaftler. Sie gingen freundlich, aber beinhart zur Sache. Zum Beispiel Bolko von Oetinger, Vizepräsident der Boston Consulting Group aus München: „Berlin ist pleite. Wäre die Stadt ein Unternehmen, hätte man sie längst wegen Insolvenzverschleppung angeklagt.“ Das Branchen-Portfolio der Hauptstadt sei schwach. „Berlin ist nicht auf der Überholspur, sondern fällt weiter zurück.“ Aus der Sicht eines Großunternehmers formulierte Oetinger ein paar Thesen, die sich seiner Auffassung nach auch auf die Berliner Politik übertragen lassen. 1. Die Lage sei klar, aber Veränderungen seien außerordentlich schwierig. 2. Das Problem des Neuen sei es, das Alte erfolgreich loszuwerden. 3. Wichtig sei der Blick von außen. 4. Notwendig seien „unerbittliche Fragen“.

Bewag-Vorstand Hans-Jürgen Cramer ergänzte den Kollegen: „Wenn die Wurstbude am Pariser Platz in der öffentlichen Diskussion den gleichen Stellenwert einnimmt wie ein neuer Flughafen für Berlin, läuft etwas schief.“ Mit sprühender Tatkraft stürmte Karin Mölling nach vorn, die am Zürcher Institut für medizinische Virologie auch „aufbruchbereite junge Berliner“ betreut. Der Wissenschaftsstandort Berlin, sagte sie, könne ein „German Oxford“ werden.

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