Berlin : Eine Galaxie zum Frühstück

Welteninseln wie unsere Milchstraße verleiben sich immer mal wieder eine Zwerggalaxie ein – dabei entstehen Milliarden neuer Sterne

Thomas de Padova

Blickt man in die rund 15,4 Milliarden Jahre alte Geschichte des Universums zurück, so ist das, als blätterte man in einem Fotoalbum. „Zunächst klebt man alle Bilder ein, die man hat, hübsch dem Alter nach“, sagt der Astrophysiker Günther Hasinger. Dann schaut man sich an, wie die Kinder größer werden, wie sie wachsen und Bärte bekommen.

Die ersten Galaxien-Bilder in Hasingers Fotoalbum sind noch recht verschwommen. Die Geschichte des Universums in ein Kalenderjahr umgerechnet – mit dem Urknall am 1. Januar und der Gegenwart am 31. Dezember – befinden wir uns mit diesem Teil der Serie im Februar. Die Galaxien haben gerade zu strahlen begonnen. Die am weitesten entfernten Galaxien, deren Licht am längsten gebraucht hat, um zu uns zu gelangen, ähneln noch kaum unserer Milchstraße und den Nachbargalaxien. Sie haben zum Beispiel noch keine schönen Spiralarme. Im Lauf der kommenden Wochen werden sie sich verändern.

Was in dieser Zeit passiert, illustriert das große Bild auf dieser Seite sehr eindrucksvoll. Die Aufnahme, die mit dem Weltraumteleskop „Hubble“ gemacht wurde, zeigt die Galaxien NGC2207 (links) und IC2163, die sich im Sternbild Großer Hund begegnen – kurz vor ihrer Vereinigung. Schon im hier sichtbaren Stadium verliert die kleinere der beiden Galaxien Sterne und Gas an die größere. Solche Galaxien-Verschmelzungen gab es im frühen, dichten Kosmos viel häufiger als heute. Obschon sich das All ausdehnte, verbanden sich die Galaxien zu immer größeren Welteninseln. Größere Galaxien verschluckten kleine. Bald darauf gingen sie selbst in noch ausgedehnteren, kugel- oder eiförmigen Himmelsobjekten auf. Jede neue Vereinigung brachte mehr Gas und mehr Staub zusammen und fachte die Geburt neuer Sterne weiter an.

Gegen Ende März in unserem kosmischen Kalender, etwa 3,85 Milliarden Jahre nach dem Urknall, erreichen Galaxienfusion und Sternentstehung ihren Höhepunkt. Astrophysiker Hasinger nennt ihn das „große Fressen“. An dem sind nicht zuletzt die Schwarzen Löcher beteiligt, die im Zentrum jeder Galaxie sitzen. Diese vertilgen einen Stern nach dem anderen, gelegentlich vereinen sich bei der Kollision der Galaxien sogar untereinander. Die Folge: Die ersten Schwarzen Löcher waren bei ihrer Entstehung – im Januar – nur 10 oder 100 Mal so schwer wie unsere Sonne. Bis heute ist ihre Schwerkraft auf ein Vielfaches angewachsen. Das Schwarze Loch im Zentrum unserer Milchstraße etwa wiegt Millionen Sonnen auf. Sein Umfeld hat es ziemlich leer gefressen. „Es kriegt am Tag vielleicht noch einen Kometen ab“, sagt Hasinger. „Mehr nicht.“

Ab April des Universums-Kalenderjahres geht es im Weltall ruhiger zu – eine wichtige Voraussetzung für die Entstehung der Sonne und der Erde. Erst die jüngeren Sternengenerationen haben die Grundlage für unsere Existenz geschaffen. Darüber morgen mehr.

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