Berlin : Eine Gruppe von Neulingen zieht ins Parlament

Barbara Junge

Die FDP muss sich jetzt mit den wesentlichen Dingen des Lebens beschäftigen. Nachdem der achtwöchige Wahlkampf fast komplett aus dem beengten Büro des Bundestagsabgeordneten Günter Rexrodt in der Dorotheenstraße gesteuert wurde, stellen die gestärkten Liberalen nun Ansprüche: "Wir haben noch kein Büro im Abgeordnetenhaus", klagt FDP-Pressesprecher Rolf Steltemeier, "wir brauchen dringend ein Telefon und ein Faxgerät".

Die Liberalen in Berlin stehen vor einem Neuaufbau. Auf 2,2 Prozent waren sie bei den Wahlen 1999 geschrumpft. Lagerkämpfe hatten die Partei zermürbt. Die lange parlamentarische Abstinenz hat dazu geführt, dass die 15-köpfige Fraktion, mit der Spitzenkandidat Günter Rexrodt nun ins Abgeordnetenhaus einziehen wird, zu großen Teilen aus politischen Neulingen besteht. Während deshalb die anderen Fraktionen bereits routiniert zur Tagesordnung übergehen, sammelt Rexrodt erst einmal seine Schar um sich.

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Der Neuaufbau der Liberalen trägt einen Namen: Günter Rexrodt. Nicht umsonst, war es der Landesvorsitzende, der zum Spitzenkandidat erkoren wurde. Nicht umsonst wird auch der Fraktionsvorsitzende wohl erst einmal Günter Rexrodt heißen. In der konstituierenden Sitzung seiner Fraktion am Montag - einmal mehr mussten sich die Liberalen dafür in der Parteizentrale treffen - wollte sich Rexrodt um das Amt bewerben. "Und er wird sicher auch gewählt", wie Martin Matz, künftiges Fraktionsmitglied, erwartet.

Matz ist einer derjenigen Liberalen, die zu kennen man immerhin eine Chance hat. Der 36-jährige Diplom-Kaufmann ist einer der Vorgänger Günter Rexrodts. Als 1996 der ehemalige Generalbundesanwalt und nationalliberale Alexander von Stahl den Vorsitz der Berliner FDP und damit die rechte Übernahme des Landesverbandes anstrebte, scheiterte er an Matz. Der Wirtschaftsliberale hatte es mit Unterstützung anderer junger Liberaler vermocht, die Partei gegen den rechten Flügel zu einen. Heute ist Martin Matz Mitglied im Bundespräsidium der FDP - und einer derjenigen jungen Liberalen, auf denen die Hoffnungen von Parteichef Guido Westerwelle ruhen.

In den vergangenen Wochen bekannter gemacht hat sich Mehmet Daimagüler. Der 33-jährige Jurist gehörte zu dem Team, das Günter Rexrodt der Öffentlichkeit als seine junge Garde vorgestellt hat. Die eine oder andere Aussage zur Ausländerintegration, eine Wortmeldung nach dem 11. September - und Vorzeige-Migranten merkt man sich schon einmal. Andere künftige Parlamentarier haben sich innerhalb der Partei einen Namen gemacht. Die Reinickendorfer Spitzenkandidatin Mieke Senftleben etwa durch ihre Vorstandsarbeit. Oder auch Axel Hahn und Wolfgang Mleczkowski. Letztere jedoch erlangten Parteiberühmtheit insbesondere durch ihre Aktivitäten am rechten Rand der Liberalen. "Die Zeiten sind vorbei", will Günter Rexrodt jedoch Befürchtungen zerstreuen, Nationalliberale könnten im Abgeordnetenhaus für Überraschungen gut sein. Ein relevanter rechter Flügel sei in der Berliner FDP nicht mehr vorhanden, das sei die Arbeit des vergangenen Jahres gewesen. "Und diese Zeiten sind Gott sei Dank vorbei."

Die Zeichen stehen günstig für die Liberalen. Der Kanzler rät seinen Genossen zum Bündnis in der Ampel, noch scheint die Präferenz in der SPD nicht festzustehen. Deshalb sind die Liberalen am Tag nach der Wahl insbesondere um eines bemüht: Kein falsches Wort am falschen Platz. "Wir diskutieren jetzt nicht öffentlich unsere Vorstellungen", heißt es bei den Liberalen, "die anderen sind am Zug". Unterdessen will man die Zeit nutzen, sich zu ordnen. Eine vorläufige Geschäftsordnung für die Fraktion muss her, der vorläufige Fraktionsvorsitz Günter Rexrodts, "der natürlich kein vorübergehender bleiben muss". Und dann macht man sich doch auch schon Gedanken über mögliche Senatoren. Und eines scheint gewiss: "Der Fraktionsvorsitz hindert nicht an der Übernahme eines Senatorenamtes."

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