Berlin : Eine türkische Leserin sucht die Menschenrechte

Suzan Gülfirat

GAZETELER RÜCKBLICK

Jeden Montag im Tagesspiegel: ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

Leserbriefe und Leserforen haben auch in türkischen Zeitungen einen festen Platz. „Das Wort gehört Ihnen“, heißt eine Ecke auf der letzten Seite der Europa-Beilage der Hürriyet. Darin schreiben türkische Leser aus ganz Europa ihre Meinung. Ein Beispiel: In der Ausgabe vom vergangenen Donnerstag schreibt Frau Kudret E. aus Deutschland (aus welcher Stadt steht nicht dabei) über das Thema „Menschenrechte“ aus ihrer persönlichen Sicht. „Immer wenn ich auf den Ausdruck ,Menschenrechte‘ stoße, muss ich innerlich lachen“, fängt sie ihren Kommentar ironisch an. Was dann folgt, ist keine Einzelmeinung. Sehr viele Türken in Deutschland und anderswo denken so. „Der Präsident der Weltpolizei Amerika hat die Welt in ein Schlachtfeld verwandelt, ohne vorher auch nur einen Augenblick nachzudenken. (…) Manchmal frage ich mich, ob es überhaupt Menschenrechte gibt. Ich stelle eher fest, dass das Recht des Stärkeren gilt. Soll ich Ihnen ein Beispiel geben?“

Egal, ob es um den Krieg in dem islamischen Land Tschetschenien geht oder um die Rechte der turkmenischen Minderheit im Irak vor dem Hintergrund des drohenden Krieges: Wenn einem Moslem irgendwo auf der Welt Unrecht geschieht, ist die Empörung bei den Türken groß. Die Leserin engagiert sich sodann wortreich für eine andere muslimische Gruppe: „Schauen wir auf Palästina“, schreibt sie, und weiter: „Wann wird der Staat Israel endlich in die Reihe der Terrorstaaten aufgenommen?“ So wütend werden die meisten Türken nur dann, wenn es um ihre Glaubensbrüder geht.

Und immer flammender wird der Appell der Leserin: „Nun frage ich die Jünger der Menschenrechte in Europa: Wo seid Ihr? Wache endlich auf, islamische Gemeinschaft! Wo bleiben die arabischen Scheichs, die von sich behaupten, sie seien Moslems?“ Auch eine deutsche Partei bleibt von der Wut dieser Leserin nicht verschont: „Es gab doch Mal diese mit Ohrringen behangenen Grünen. ,Die Türkei verstößt gegen die Menschenrechte‘, haben sie täglich lauthals gerufen. (…)Warum hört man von Euch nicht einen einzigen Mucks?“

Die Autorin des Briefes unterstellt den Grünen Böses: „Der Völkermord passt Euch in den Kram.“ Schließlich kommt Frau Kudret E. aus Deutschland resigniert zum Ende beziehungsweise zurück zum Anfang. „Wenn es um Menschenrechte geht, sind diese Europäer an vorderster Front. (…) Ich sage, dass es keine Menschenrechte auf der Welt gibt. Es gilt das Recht des Stärkeren.“ Letztendlich will Kudret E. aus Deutschland wohl damit sagen, dass dieser christliche Verein Europa beim Thema Menschenrechte am Ende auch nicht besser ist als die Türkei.

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