Berlin : Eine vergessene Opfergruppe: die Zeugen Jehovas im Dritten Reich

Philipp Lichterbeck

Manchmal könnte man auf den Gedanken kommen, die Geschichte der Verfolgung Andersdenkender und Andersseiender im Dritten Reich sei hinlänglich bekannt, man wisse nun alles über die Täter, die Opfer und die Methoden. Und dann entdeckt man plötzlich ein fehlendes Detail im eigenen Geschichtsbau und muss die ganze Konstruktion neu schaffen. Anfang der neunziger Jahre war es die Dissertation des Historikers Detlef Garbe über die Unterdrückung der Zeugen Jehovas, die auf eine Lücke hinwies, die man vorher gar nicht wahrgenommen hatte. "Zwischen Widerstand und Martyrium" hieß Garbes Studie, die gleichzeitig den Beginn einer intensiven Beschäftigung der Zeugen Jehovas mit der eigenen Geschichte bedeutete. Eine Wanderaustellung, "Standhaft trotz Verfolgung", tourt seit einiger Zeit durch die Berliner Bezirke und ist jetzt im Fontanehaus in Reinickendorf zu sehen.

Die Ausstellung ist zurückhaltend, ja fast bescheiden, spricht fast ausschließlich von Einzelschicksalen, die in Fotos, Briefen und amtlichen Ausfertigungen ("Ihr Mann ist deshalb wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt worden. Das Urteil ist am 8.1.1941 vollstreckt worden. Gez. Dr. Schumann.") dokumentiert sind. Doch darüber hinaus ist sie einige weitergehende Gedanken wert, weil bei der Durchschau klar wird, dass sich keine andere Glaubensgemeinschaft mit einer vergleichbaren Unbeugsamkeit, man möchte fast sagen, Sturheit, den Nazis widersetzte.

Es sind die kleinen Gesten der Selbstbehauptung, mit denen sich die "Ernsten Bibelforscher", wie man sie nannte, den Unmut der Nazis zuzogen. Wenn sie etwa konsequent dem in Betrieben, Geschäften und Behörden gebrüllten "Heil Hitler" ein freundliches "Guten Morgen" entgegensetzten, war das nicht nur eine ästhetische Geste, sondern ein Akt des Aufbegehrens. Die "Zeugen Jehovas" freilich sahen es andersherum: Für sie wäre es Auflehnung gewesen, einem anderen als Jehova, dem einzigen "Heilbringer", die Ehre zu erweisen.

Schon bald bezichtigte Hitler die Bibelforscher der Komplizenschaft in einer "bolschewistisch-jüdischen Weltverschwörung". In Wahrheit jedoch fürchteten die Nazis den zivilen Ungehorsam der Zeugen Jehovas, die die Doktrin des Rassismus ablehnten, international tätig waren und dem Staat neutral gegenüber standen. So sehr diese Haltung jedoch politische Wirkung zeigte, so war sie doch immer religiös motiviert. Eine Einstellung, die die anderen beiden christlichen Kirchen vermissen ließen.

Die Zeugen Jehovas gehörten zu den ersten Insassen der KZs und waren die einzige religiöse Gemeinschaft, die eine eigene Häftlingskategorie bildete, gekennzeichnet durch den lila Winkel. Von den 25 000 Zeugen Jehovas, die es damals in Deutschland gab, waren zwischen 1933 und 1945 10 000 eingesperrt, 1 200 wurden ermordet. Das christliche Gebot "Du sollst nicht töten" weit auslegend, verweigerten sie geschlossen die Arbeit in Rüstungsbetrieben. Eine Haltung, die ihnen bei anderen Insassen Bewunderung eintrug und verstärkt wurde durch die Einsicht, dass die Zeugen ja "Freiwillige Häftlinge" waren, die sich jederzeit mit einer Unterschrift unter die Absage an den Glauben hätten befreien können. In vielen Fällen unterzeichneten sie selbst unter dem Fallbeil nicht. Diese Standhaftigkeit lag wohl auch begründet in der Erwartung des Harmagedon, des baldigen Weltendes, bei dem nur die "wahren Anbeter Jehovas" gerettet würden.

Ein Detail der Ausstellung lässt aufsehen: Unter dem Titel "Kreuzzug gegen das Christentum" veröffentlichten die Zeugen Jehovas 1938 die Zeugnisse von 600 ehemaligen KZ-Insassen mit einer detaillierten Skizze des KZ-Sachsenhausen. Thomas Mann schrieb damals: "...ich kann die Mischung von Verachtung und Abscheu nicht beschreiben, die mich beim Durchblättern dieser Dokumente menschlicher Niedrigkeit und erbärmlicher Grausamkeit erfüllte". Mit Kriegsbeginn wurde aus der Wehrdienstverweigerung der Zeugen Jehovas "Wehrkraftzersetzung", worauf die Todesstrafe stand. Die meisten der Opfer der Zeugen Jehovas waren dann auch Kriegsdienstverweigerer.

Im "Schuldbekenntnis" der Evangelischen Kirche von 1945 heißt es: "An der Tatsache, dass die Zeugen Jehovas mutiger bekannt, treuer gebetet, fröhlicher geglaubt und brennender geliebt haben als viele andere Christen führt kein Weg vorbei". Doch bis heute haben sie daraus keine Forderungen auf Wiedergutmachung abgeleitet und halten, wie Konrad Dinse vom Informationsdienst der Zeugen Jehovas betont, die Darstellung von Einzelschicksalen für sehr viel wichtiger als Mahnmale. Der Deutsche Staat hat die Zeugen Jehovas bis heute nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt und sagt: "nicht förderungwürdig".Fontane Haus Reinickendorf, Wilhelmsruher Damm 142c, bis 12. September, Mo bis Fr 9 bis 20 Uhr

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