Berlin : Einer für alles

Staus auf dem Gelände regeln, Ausweise ausstellen, über Aufpasser wachen: Oliver Friedrich managt das. Er ist Messe-Logistiker

Stefan Jacobs

Kaum sind Elektro-, Erotik- und Jugendmesse geschafft, stehen Hochzeits-, Baby-, Boots- und Pferdemesse an. Dass Oliver Friedrich einen anstrengenden Job hat, ist nicht nur an der Zahl von jährlich mehr als 100 Veranstaltungen auf dem Messegelände zu erkennen, sondern auch an seinem Büro. Zusätzlich zum üblichen Inventar stehen auf einem Aktenschrank ein halbes Dutzend Megafone, zwei Schaffnerkellen und neun Metalldetektoren. Wie heißt der Beruf, für den man diese Dinge braucht?

Oliver Friedrich muss erst mal selbst auf seine Visitenkarte schauen. „Logistics“ steht da. Nur ist das kein Beruf. Also protokolliert man am besten die nächste Stunde. Dann weiß man, was er macht. Bevor er anfangen kann zu erzählen, greift er zum Telefon und spricht hinein: „507 ist niemand da. – Ja, die ist Eingang Trompete vom Hof Glastür.“ Das muss er jetzt mal erklären. Also: Bei seinem Rundgang durch die Messehallen vorhin ist ihm aufgefallen, dass einer von mehr als 150 bestellten Ordnern nicht auf seinem Posten war. Deshalb muss er jetzt Ersatz anfordern – und gegebenenfalls der Sicherheitsfirma die Rechnung kürzen. Um die 507 zu zeigen, holt er den Ordner-Positionsplan aus dem Schrank: eine Papierrolle im Format A0, knapp mannshoch. Jeder Punkt darauf ist ein Ordner. Die Rolle stammt von der Grünen Woche, die als eine der größten Messen exemplarisch dafür steht, was Friedrich zu tun hat.

Vier Monate im Voraus verschickt er den Verkehrsleitfaden an die Aussteller und stellt ihn ins Internet, damit die Beteiligten planen können: Autos dürfen an den vier Aufbautagen jeweils maximal zwei Stunden auf dem Gelände parken, Sattelzüge fünf Stunden. An den Messetagen dürfen sie nur eine Stunde bleiben, sonst wird die bei Einfahrt zu zahlende Kaution einbehalten. Die Zeiten sind so bemessen, dass die Aussteller in Ruhe ausladen können, aber der Verkehr nicht zusammenbricht. Falls doch, holt Friedrich Schaffnerkellen und Megafon vom Schrank. Es muss ja auch Platz bleiben für mehr als 100 Container, viele davon mit Lebensmitteln. Die müssen je nach Wetter gekühlt oder geheizt werden und dürfen die Tiertransporter nicht behindern. Die Tierpfleger brauchen eine Übernachtungsgenehmigung, damit kein ahnungsloser Ordner sie hinauswift.

Das Telefon klingelt: Ein Kollege will wissen, wo der zur heutigen Mittagsveranstaltung bestellte Aufpasser bleibt. Friedrich lässt sich erzählen, dass gerade erst die Häppchen angeliefert werden und noch kein Gast in Sicht ist – und gibt Entwarnung: „Wenn in einer Stunde noch keiner da ist, meld’ dich noch mal.“ Zwei Handwerker kommen ins Büro. Sie haben einen dieser grünen Kästen dabei, wie sie an Notausgangstüren hängen: „Der gibt immer Alarm“, sagen sie. Friedrich gibt ihnen den Türschlüssel, damit sie den Sensor reparieren können.

Dann greift er einen anderen Grüne-Woche-Ordner und will gerade erklären, wie die Schaumburger Jagdhornbläser dank sorgsamer Organisation auch ohne Eintrittskarte zu ihrem Auftritt am Niedersachsen-Stand kommen, als das Telefon klingelt: Ein Ordner vermisst die Absperrpfosten für eine Gastveranstaltung. Friedrich erzählt noch, dass die Shuttlebusse bei der Grünen Woche neuerdings zu einem anderen Eingang fahren, wo folglich mehr Personal stehen muss. Dass neue Ansagen für die Shuttlebusse formuliert und aufgenommen werden müssen. Dass auch die Putzfrauen Messeausweise brauchen. Dass man bei Promi-Rundgängen den Weg genau planen muss, damit die Kanzlerin nicht zwischen Journalisten und bayrischen Rindviechern verloren geht. Dass die Metalldetektoren für Veranstaltungen mit Promis gebraucht werden. Und dass heute ein sehr ruhiger Tag sei. „Wir sind eine Art Querschnittsabteilung“, resümiert er. Wie sein Job heißt, vermag er immer noch nicht zu sagen.

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