Berlin : Einkauf statt Einkehr

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Wenn Markus Dröge, Bischof der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, heute um 10 Uhr in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und um 18 Uhr in den Heilig-Kreuz-Kirchen in der Zossener Straße zum Reformationsfest predigt, werden ihm vermutlich deutlich mehr Berliner als Brandenburger Protestanten zuhören. Das hat eine gewisse Logik. Erstens finden beide Gottesdienste in Berlin statt, und zweitens leben in Berlin 633 000 evangelische Christen, in Brandenburg aber nur 387 000. Wider diese Logik ist aber der Reformationstag in Brandenburg Feiertag, in Berlin hingegen wird gearbeitet, vermutlich weil in dieser Stadt so ziemlich alles, was mit Religion zu tun hat, nicht gefeiert, sondern als Teufelszeug verbannt wird. Nicht so im Umland. Mit der Wiedervereinigung machten alle mittel- und ost- deutschen Bundesländer den 31. Oktober zum gesetzlichen Feiertag, im Gedenken an jenen Tag vor Allerheiligen des Jahres 1517, an dem Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg angeschlagen haben soll. Die Wiedervereinigung betraf Berlin zwar auch ein bisschen, aber was die Religionsgeschichte Mitteldeutschlands betrifft, eben doch eher nicht.

Um der Ehrlichkeit willen muss man zugeben, dass viele Brandenburger diesen ihnen geschenkten Feiertag weniger zum Kirch- als zum Stadtgang nutzen. Die Autokennzeichen selbst entfernterer Landkreise wie Ostprignitz-Ruppin (OPR), Elbe-Elster (EE) und Prignitz (PR) werden denn heute wieder weit häufiger als sonst auf Berlins Straßen zu sehen sein. Der Handel in der Stadt hat sich längst darauf eingestellt und freut sich auf diesen Brandenburgtag, der von der Kundenfrequenz her so etwas wie ein umsatzfreundlicher verkaufsoffener Sonntag unter der Woche geworden ist.

Und weil das die Berliner ebenfalls wissen, richten sie sich am Reformationstag eher häuslich ein und überlassen denen, die nicht mit ihnen in einem Bundesland leben wollen, gerne den Freiraum im gemeinsamen Einkaufsland.

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