Berlin : Eins zu Null im Hinspiel

Die Freizeitfußballer von Cosmos Berlin pfiffen auf das angedrohte Bußgeld und spielten am Sonntag vor dem Reichstag. Die Polizei kam – aber sie schritt nicht ein

Christian Hönicke

Verwirrt blicken sich einige aus der Warteschlange um. „Hau vor, die Pille!“, hallt es bis hinüber zum Eingang des Reichtstags, den Scharen von Menschen besichtigen wollen. Stadionatmosphäre im Regierungsviertel. Denn sie spielen wieder, die Fußballer. Inmitten von Touristen aus der ganzen Welt frönen sie ihrer verbotenen Leidenschaft: Kicken zwischen Reichstag und Kanzleramt, auf dem Grün des Platzes der Republik. Wie jeden Sonntag treten die Freizeitfußballer von Cosmos Berlin hier an, diesmal gegen Lokomotive Reichstag. Das neuerdings angedrohte Bußgeld von 50 Euro kann sie nicht schrecken.

Die Kicker sind zu echten Berühmtheiten geworden. Die meisten Touristen suchen sich zwar immer noch Reichstag oder Kanzleramt als Fotomotiv aus, aber immer öfter bleibt jemand stehen, um die Fußballer zu knipsen. Wie ein älterer Herr aus Braunschweig, der aus der Zeitung von dem Treiben auf dem heiligen Rasen erfahren hat.

Auch das Fernsehen hat die Hobbyspieler entdeckt. Ganze Dokumentationen werden über das ordnungswidrige Spiel im Regierungsviertel gedreht. Beinahe mehr Kameraleute als Sportsfreunde bevölkern den Platz der Republik und warten auf das Eintreffen der mit Knöllchenblöcken bewaffneten Polizisten. Lange müssen sie nicht warten. „Da sind sie“, ruft Vollmar, die Nummer 5 von Cosmos. Eine Streife fährt vor, und eine knisternde Minute lang schauen alle gebannt hinüber. „Mist, die schreiben mich auf“, ruft ein Kameramann plötzlich und sprintet zu seinem Auto. Tatsächlich widmet sich die Polizei nicht den Falschspielern, sondern den Falschparkern vorm Paul-Löbe- Haus. „Wir haben keine konkrete Dienstanweisung, die Fußballer vom Platz zu vertreiben“, sagt ein Polizist. Das sei Sache des Bezirksamtes. Aber am Sonntag wird sich von dort keiner blicken lassen.

Also nimmt das Spiel seinen ungestörten Lauf. Die Tore werden eine Rabattenbreite groß mit Sporttaschen aufgebaut, Hände werden geschüttelt, Anpfiff. Zwar beteuern alle, man spiele nicht mit Stollenschuhen, doch auch so wird der teure Rollrasen reichlich aufgewühlt.

Minütlich heult eine Sirene im Regierungsviertel, aber keine gilt den Kickern. Am Freitag war ein Polizist hier und hat Taten angekündigt, jetzt lässt sich keiner mehr blicken. Fast sind die Fußballer ein bisschen enttäuscht darüber, allen voran der Gesandte des Berliner Fußball-Verbandes. Nächste Woche soll sein Präsident Otto Höhne demonstrativ mitspielen und seine Personalien aufnehmen lassen, um die ganze Sache zu „skandalisieren“, wie er es nennt. Ohne einschreitende Staatsgewalt dürfte das schwierig werden.

Dann ist Schluss. Cosmos verlässt den Platz als zweifacher Sieger; 3:2 gegen Lok Reichstag und 1:0 gegen die Bürokratie. Das Rückspiel findet nächste Woche im gleichen Stadion statt.

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